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Markthallen in Kreuzberg {12tel Blick September}

Markthallen in Kreuzberg, wie es war und wie es heute ist

Einkaufen muss man immer. Markthallen gibt es in ganz Europa. Berlin war eine der letzten Metropolen, die keine hatte. Damals wie heute, braucht eine große Bevölkerung Nahrungsmittel und andere Dinge zum täglichen Leben. Es gab bis 1867 zwanzig freie Märkte, die unter freiem Himmel unter nicht immer hygienischen Zuständen stattfanden, um zirka 1,15 Millionen Menschen zu versorgen. Höker die von Haus zu Haus gingen verkauften ihre Waren direkt an der Tür. Außerdem einige etablierte Läden.

Die Bevölkerung in Berlin bekam durch Missernten immer weniger, dafür teure Nahrung zu kaufen. Die Händler ließen sich schlecht kontrollieren. Am 21. April 1847 kam es  zu der Kartoffelrevoulution. Am Belle-Alliance-Platz (Mehringplatz),  an einem Kartoffelstand, reizte eine Bäuerin mit „derben Antworten“ eine Menschenmenge so weit, dass mehrere Frauen sich gewaltsam auf sie stürzten und ihr die Kartoffeln raubten. Auch Bäckerläden und Schlachtereien fielen dem Pöbel zum Opfer. Einem Bäcker wurde vorgeworfen, er verkaufe zu kleines Brot und hätte noch gar kein Brot heraus gegeben. Woraufhin der Laden gestürmt, Waren im Wert von 50 Silbertalern  und sein Verkaufsschild entwendet wurden.

Die Polizei war machtlos und konnte nur Zuschauen, wie die Menschen sich Wurst, Brot und Mobiliar unter die Nägel rissen. Scheiben wurden eingeschmissen. Sogar die Fenster vom Kronprinzenpalais, der Bethlehemskirche und des Café Kranzler kamen zu Schaden. Man ging davon aus,  dass insgesamt fünf- bis zehntausend Personen sich an der Kartoffelrevolution beteiligten. Die Missstände hielten allerdings noch einige Zeit an.

Es musste sich etwas ändern

Erst 1881 beschloss der Magistrat von Berlin, gemeinsam mit dem Arzt Rudolf Virchow, dem ein Ende zu setzen und die Verkäufer zu mehr Ordnung zu zwingen. Der Magistrat war damals das oberste exekutive Organ in der Stadt Berlin. Man beschloss, überdachte Hallen zu bauen und verpflichtete eine “Polizei” darauf zu achten, dass die Marktvorschriften eingehalten wurden. Die Bevölkerung konnte nun witterungsunabhängig einkaufen gehen. Noch dazu bekam man an den Ständen Fleisch, Wild und Geflügel und Fisch angeboten. Obst und Gemüse, Butter, aber auch Kolonialwaren, Gewürze und vieles andere konnte man einkaufen.

Blankenstein Hermann Wilhelm Albrecht (1829-1910), Markthalle IV, Berlin: Innenansicht. Foto auf Papier, 31,00 x 40,00 cm (inkl. Scanrand). Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin Inv. Nr. F 8255.

14 Hallen wurden ab 1886 nach dem selben Prinzip geplant und gebaut. Eine der ersten Markthallen entstand in der Mitte der Stadt. Die Größte hatte sogar einen eigenen Eisenbahnzugang, sowie Kühlkammern im Keller. In Kreuzberg bzw. Friedrichstadt entstand die nächste Markthalle. Diese Halle existiert heute in einer modernisierten Form, da sie während dem zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche zerfiel. Heute befindet sich dort der Blumengroßmarkt, bzw. die Hallen wurden an das Jüdische Museum weiter gegeben.

Der städtische Baurat Hermann Blankenstein war dafür verantwortlich, dass alle Hallen nach einem Schema entstanden. Die Dächer wurden von gußeisernen Stützen und Stahlbindern getragen und die Fassaden waren verklinkert und mit Terrakotta-Schmuck verziert. In der Ackerstraße in Berlin Mitte steht eine der wenigen noch erhaltenen Hallen, Markthalle IV bzw. die Ackerhalle.
Auch einige andere Bezirke bekamen eine Markthalle. Eine meiner Lieblingshallen ist die in Moabit, die Arminiushalle. Sie war die Zehnte, die 1891 fertig gestellt wurde. Noch heute kann man dort Lebensmittel und andere Dinge zum Leben kaufen. Ganz nebenbei, gibt es verschiedene Gastronomen und an manchen Abenden Livemusik.

Moderne Markthallen

Am 15. März 1892 wurde die Markthalle in der Zossener Straße, in Kreuzberg fertig. Sie war die Elfte Halle in der Stadt. 290 Marktstände boten ihre Waren feil. Im ersten Weltkrieg gab es dort eine Suppenküche für 15.000 Berliner, die sich hier täglich die leeren Mägen füllen konnten. Der Zweite Weltkrieg lies von der Halle nur den westlichen Kopfbau und den Keller übrig. Aber das hielt die Berliner Händler nicht davon ab, ihre Waren zu verkaufen. Irgendwoher musste man ja seine Nahrung bekommen. Schon nach Kriegsende fand ein Verkauf im Keller statt.

Die Halle wurde vom Architekt ist Paul Friedrich Nieß wieder aufgebaut, nicht mehr so schick, aber effizient. Nicht weit von der Marheineke Halle bin ich auf die Welt gekommen. Meine Mutter ist auch sehr oft dort einkaufen gegangen. Meine Erinnerung daran ist, dass es immer etwas dunkel war, die Gänge recht eng. Es gab dort alles, was man brauchte. Ein Kurzwarenstand, mehrere Metzger, Zeitungen, Bücher, Kleidung, Käsehändler. Am Eingang standen zwei Schaukeltiere auf denen man für 10 Pfennige 3 Minuten hin und her geschaukelt wurde. Und daneben das Highlight: einen Softeis-Verkäufer.

Inzwischen wurde die Marheineke Halle ein weiteres mal umgebaut. Ich finde sie hat ihren Charm verloren und wirkt kalt. Allerdings siedeln sich immer mehr interessante Gastronomen hier an. Die Bevölkerung und der Tourismus nehmen die Markthalle sehr gut an, da sie sozusagen am Ende des BergmannKiez steht. Die Gastronomie dort ist aber auch wirklich zu empfehlen.

Auch die Markthalle Neun, hat sich zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Allerdings war das nicht immer so. Erst als sich 2001 die Anwohnergruppe Lausitzer Platz für die Halle zu engagieren begann, wurde es ein toller Treffpunkt für Menschen, die gerne gut, exotisch, interessant außergewöhnlich essen wollen. Durch zahlreiche Veranstaltungen und Medienpräsenz werden immer mehr Menschen in die Markthalle gelockt. Sie ist fast noch komplett erhalten und abgesehen von den Events, einen Blick wert.

Die Markthallen haben ihren besonderen Status längst verloren. Supermärkte und Fachgeschäfte haben den Marktbuden den Rang abgelaufen. In der großen Stadt Berlin gibt es nur noch wenige gute und üppige Wochenmärkte. Doch lohnt es sich immer wieder einmal, einen Blick zu riskieren, denn dort scheint alles frischer, regionaler zu sein.

Der 12tel Blick auf und vom Kreuzberg

Der Herbst ist noch kaum zu spüren. Die paar kalten, regnerischen Tage haben die Pflanzenwelt eher dazu angestachelt, noch einmal alles zu geben. Die Bäume tragen fast keine bunten Blätter. Was ist das bloß für ein Jahr? Auch an dem Tag, als ich die Bilder machte, trugen die Menschen noch kurze Ärmel und liefen ohne Jacken herum. Ich bin auf den Oktober gespannt. Vielleicht wird es etwas bunter. Meinen 12tel Blick verlinke ich wieder bei Eva und ihrem Blog Verfuchst und Zugenäht

2+

Gute Nacht Kreuzberg {12tel Blick Juli}

Gute Nacht Kreuzberg

Heute möchte ich dir aus dem Nachtleben in Kreuzberg erzählen.
In Kreuzberg gab es immer schon Gartenlokale und Unterhaltungsparks. Davon hatte ich dir schon in meinem 12tel Blick erzählt. Die Menschen suchten nach Zerstreuung und was bot sich da mehr an, als sich in einem Gartenlokal oder einem Vergnügungspark, sich ein süffiges Berliner Bier zu gönnen oder das Tanzbein zu schwingen. Während man unter den Linden und am Kurfürstendamm eher schick unterwegs war und immer noch ist, konnte und kann man sich in Kreuzberg völlig gehen lassen. An jeder Ecke findet man eine Kneipe, in der die Arbeiter ein oder mehrere Feierabendbiere trinken. Die Eckkneipen waren einerseits Wartesaal, andererseits Wohnzimmer. Es gab am Bergmannkiez eine Brauerei, in der Tanzveranstaltungen und Boxkämpfe stattfanden. Ein interessantes Buch dazu ist Deutscher Meister von Stephanie Bart. Heute findet man in Kreuzberg unglaublich viele Cafés, Restaurants, Cocktailbars und natürlich Clubs (früher Disco 😉). In jedem Stadtführer über Berlin wird behauptet, hier kann man feiern, bis der Arzt kommt…

Kreuzberg im Juli

Heinrich Zille malte gerne aus dem (Milljöh) Milieu. In den engen dunklen Straßen Kreuzbergs, fanden sich die Prostituierten ein. Mädchen die eigentlich nach Berlin kamen um dort als Kammerzofe oder Hausmädchen zu arbeiten. Junge Frauen, die das arme und langweilige Land verlassen hatten, dann aber entweder keine Anstellung fanden oder wieder auf die Straße gesetzt wurden. Bilder die Zille gerne festhielt, einerseits mit der Kamera und auch mit Bleistift auf dem Papier. Ebenfalls gestrandete Männer zogen in Banden um die Häuser, in sogenannten Ringvereinen, sorgten sie für Nachschub an Frauen zur Prostitution und dafür, dass der eine oder andere Besucher seine Brieftasche oder noch mehr verlor. Dazu vielleicht ein Interessantes Buch?

In den 1960er Jahren zogen eine Menge Westdeutscher junge Menschen nach Berlin. Die Versprechung, nicht zum Militär zu müssen und weil man so günstig leben konnte, und auch die Künstlerszene, zog das junge Volk an. 1978 haben die Gebrüder Blattschuss, die Nächte in Berlin besungen. Es galt ja in dem Berliner Westen keine Sperrstunde, weshalb man die ganze Nacht um die Häuser ziehen konnte. In dem Buch von Sven Regner “Herr Lehmann”, kann man sich sein eigenes Bild von dem Kreuzberger Partyzustand der 1980er Jahre machen. Legendär war das SO36, in dem man Punkbands zusehen konnte, wie sie die Bühne auseinander nehmen. Das So 36 ist nach der alten Postleitzahl des Bezirks Kreuzberg benannt.

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Tanzen bis der Arzt kommt

Nach dem Mauerfall breiteten sich die Tanz- und Clubszene in Kreuzberg immer mehr aus. Alte Fabriketagen, Keller oder was sich sonst noch bot, wurde zu Clubs umfunktioniert. Meistens zog man erst gegen Mitternacht los, um dann die Nacht zum Tag zu machen oder umgekehrt. Konnte man bis Anfang des Jahres noch in den verschiedenen Clubs die ganze Woche mit tanzen verbringen, so sind im Moment wegen der Pandemie sämtliche Clubs geschlossen. Dieser Umstand treibt die jugendlichen Tanzwütigen dazu, sich illegal in Parks zu treffen und eigene Partys zu veranstalten. Erst vor einiger Zeit hat die Polizei eine Party mit 3000 Teilnehmern in der Hasenheide auflösen müssen.

Und warum nun Gute Nacht Kreuzberg? Weil die Kneipen- und Clubszene an der Corona-Pandemie richtig zu knabbern hat. Die großen, meist angemieteten Hallen oder Keller sind zu teuer, um sie ununterbrochen weiter bezahlen zu können, ohne dass Gelder hineinfließen. Selbst wenn sie öffnen könnten, würden sie viel weniger Einnahmen haben, da die Besucher aus aller Welt fehlen. Die Kneipen sind auch längst nicht so voll wie sie müssten. Man versucht durch Spenden die Szene zu retten. Aber ob das einen Erfolg hat, möchte ich bezweifeln. Nach der Pandemie, wird alles anders sein …

Meinen 12tel Blick teile ich gerne wieder bei Eva auf dem Blog Verfuchst und zugenäht.

1+

Frauen in Kreuzberg {12tel Blick Juni}

Frauen in Kreuzberg

Es ist wieder so weit, ich will dir etwas aus meiner Stadt erzählen. Dieses mal habe ich das Thema Frauen in Kreuzberg ausgesucht. Natürlich lebten und leben in jedem Bezirk spannende Frauen. Da es sich in meinem 12tel Blick um Kreuzberg dreht, bleiben wir bei den Frauen, die hier etwas besonderes veranstaltet haben. Nicht alles war gut. Es gab auch einige Frauen, die sich verkauft und andere denunziert, gemordet und geklaut haben. Ich habe allerdings nur eine von vielen herausgesucht:

Die Frau, die ich heute vorstellen möchte ist Lina Bauer (spätere Morgenstern). Sie wurde am 25. November 1830 in Breslau als drittes von sechs Kindern geboren. Sie stammt also aus Schlesien, (was für eine Überraschung… Ich hatte hier schon davon erzählt, wie viele Menschen in die große Stadt strömten). Als Kind einer jüdischen Fabrikantenfamilie ging sie zu einem liberalen Rabbiner in den Religionsunterricht.

Doch damit wollte sie sich nicht zufrieden geben und studierte selber Literatur und Kunstgeschichte. Außerdem erhielt sie privaten Unterricht in Sprachen, Musik und Gesang. Sie begann sich mit 18 für Politik zu interessieren und gründete mit Freundinnen den „Pfennigverein zur Unterstützung armer Schulkinder“, der Schulbücher, Kleidung  und Schulmaterial für bedürftige Kinder sammelte.

Ab nach Berlin

Die junge Lina Bauer traf den armen polnischen Juden Theodor Morgenstern und 1854 war sie zum Missfallen ihrer Eltern mit ihm verheiratet. Scheinbar hielten es die Beiden nicht in Breslau aus, weshalb sie nach Berlin gingen. Doch auch da verdiente Theodor nicht mehr Geld, doch Lina hatte eigene Ideen. 1859 bekam sie ihr erstes Kind und weil sie scheinbar damit nicht ausgelastet war, gründete sie den „Berliner Frauen-Verein zur Beförderung der Fröbel’schen Kindergärten“ und später den ersten Berliner Kindergarten nach Ideen des Reformpädagogen Friedrich Fröbel.

Ein bisschen gewagt, denn seit 1851 waren Kindergärten von der preußischen Regierung verboten. Die Theorien des Herrn Fröbel ( Selbstständigkeit fördern, spielen bildet,…) widersprachen dem Gedanken der Preußen, selbstständige und -denkende Einwohner zu verwalten.

Zwei Jahre später hob die preußische Regierung das Kindergartenverbot auf und sofort gründete Lina Morgenstern den ersten Fröbelschen Kindergarten. Genau am Fuße des Kreuzbergs. Ein Idyll mit Obst- und Laubbäumen, Kühen und Hühnern. Täglich kam ein Arzt vorbei und die betreuten 20 Kinder fanden hier viel Platz zum spielen. Die Kinder wurden nach ihrem Entwicklungsstand und ihren Fähigkeiten gefördert.

Volksspeisungen

Lina Morgenstern war damit aber immer noch nicht zufrieden. Sie gründete auch den Verein der Berliner Volksküchen. Für kleines Geld (25 Pfennige), bekam man dort eine ordentliche Portion. Schon bei der Eröffnung wurden zwischen 11 und 13 Uhr 400 Personen in den, für diese vielen Menschen zu kleinen Räumen, versorgt.

Die Speisen mussten so besonders sein, dass Lina später ein Kochbuch heraus gab. Die Volksküchen trugen sich selber, Verwaltung, Leitung und Essensausgabe oblag jungen Bürgerinnen, die sich in neuen Pflichten üben sollten. Bis zur Jahrhundertwende entstanden sieben Volksküchen in Kreuzberg und noch mehr in der ganzen Stadt. Das Konzept ging so gut auf, dass Lina bald schon den Spitznamen Suppenlina erhält.

Sie bleibt aber nicht die Suppenlina, 1868 gründet sie die Akademie zur Fortbildung junger Damen, 1873 den Berliner Hausfrauenverein. Von 1874 an gibt sie die Deutsche Hausfrauen-Zeitung heraus. Als radikal wird diese Zeitung innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung genannt. Sie fordert die politische Gleichberechtigung von Frauen.
Als sich 1894 der Bund deutscher Frauenvereine gründet, setzt sich Lina vergeblich für die Aufnahme der Arbeiterinnenvereine ein. Sie lässt sich damit aber nicht aus dem Konzept bringen und spricht vor 1800 Delegierten aus aller Welt auf dem auf dem ersten Internationalen Frauenkongress in Berlin.

Ihr Leben

Lina Morgenstern hat ihr ganzes Leben dem sozialen Gefüge und  Frauenrecht gewidmet, ganz nach dem jüdischen Gebot der Gerechtigkeit ( Dem Bedürftigen die Möglichkeit zu geben, sich selbständig zu ernähren: Hilfe zur Selbsthilfe. Wohltätig sein in einer Weise, dass der Spender und der Bedürftige nicht voneinander wissen. Der Wohltäter weiß, wem er gibt, aber der Arme erfährt nicht von der Identität des Spenders. Der Gebende kennt nicht die Identität des Bedürftigen, aber dieser kennt den Spender. Geben, bevor man gebeten wird. Geben, nachdem man gebeten wird. Zwar nicht ausreichend, aber mit Freundlichkeit geben.)

Am 16. Dezember 1909 verstarb sie in Berlin. Ihr Grab findet man auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee.

Wieder habe ich dir etwas über meinen Bezirk Kreuzberg erzählt. Die Bilder gehen wieder zum 12tel Blick, den Eva auf ihrem Blog Verfuchst und zugenäht sammelt.

3+

Revolutionsgebiet Kreuzberg {12tel Blick April}

Revolution in Kreuzberg

Irgendwie waren die Menschen in Kreuzberg immer schon ein wenig auf Krawall und Revolution gebürstet. Vielleicht lag es an dem Zusammenleben der verschiedenen Menschen mit ihren Eigenarten, die sie aus ihren jeweiligen Kulturen mitgebracht haben. Eventuell lag es auch daran, dass schon 1863 der Allgemein Deutsche Arbeiterverein in der Gitschiner Straße gegründet wurde. Immerhin lebten in Kreuzberg überwiegend Arbeiter.

Im Mai 1868 fand im Tivoli auf dem Kreuzberg (du erinnerst dich, vom Tivoli hatte ich hier geschrieben) eine Volksversammlung gegen die Mietsteuer statt. Zur Reichstagswahl im Januar 1877 waren 22.000 Menschen im Tivoli dabei gewesen.  Eng an eng standen die Menschen, so dass man kaum den Arm heben konnte und lauschten dem in Berlin überaus beliebten Arbeiterpolitiker August Heinsch.
1878 starb August Heinsch an der Schwindsucht mit nur 31 Jahren. Sein Tod führte zu einer Beerdigungsdemonstration sonder Gleichen. Menschenmassen stehen dem Leichezug im Weg herum und weil es ein Verbot, Fahnen zutragen gab, war es fast unmöglich den Zug zu sortieren. Mit größer Verspätung setzte sich der Zug dann in Bewegung.

Randale und Revolution

Soldaten der Berliner Garnison durften einige Wirtschaften im Jahre 1878 nicht betreten, da dort die Sozialisten verkehrten. Es konnte aber auch sein, dass so mancher Sozialist einer “bürgerlichen” Kneipe verwiesen wurde. Bebel und Liebknecht wurde zum Beispiel angeraten, das Lokal am Moritzplatz zu verlassen, da Gäste sich über ihre Anwesenheit beschwert hätten. 
Immer wieder kam es zu Ausschreitungen gegen die Sozialdemokraten. Während einer Arbeiterfrauen und -Mädchenversammlung in einem zu kleinen Ballsaal, mussten die Männer den Saal verlassen. Als die Versammlung dann zu Ende war, die einfach gekleideten Frauen das Gasthaus verließen, traf sie ein Steinhagel. Zum Glück verletzte sich kaum eine der Frauen. Emma Ihrer war damals die Rednerin.

1882 wurde zehn Mitglieder der SPD ausgewiesen. Weshalb sich zu ihrer “Verabschiedung” 1000 Menschen im Wartesaal des Anhalter Bahnhofs drängten. Als es der Polizei dann zu bunt wurde, versuchte diese die Versammlung aufzulösen. Die Arbeiter antworteten mit der Arbeiter-Marsellaise und stürmischen Hochs. Das führte dazu, dass die Polizisten Frauen an den Haaren aus dem Gebäude zogen und sie ausgiebigen Gebrauch ihrer Plempe machten.

Revolution im Zeitungsviertel

Die SPD hatte ihren Hauptsitz in der Lindenstraße. Dort wurde auch der Vorwärts herausgegeben. Das Lokalblatt der Sozialdemokraten. 100.000 Exemplare wurden verkauft. Und vielfach nach dem Lesen weitergereicht. 1911 starb der Gründer Paul Singer des Vorwärts. Auch zu diesem Trauerzug strömten die Menschen aus allen Richtungen. Die Menschen verstopfen die Straßen rund um das Kottbusser Tor. Noch mehr Menschen hingen aus den Fenstern und warten auf den Trauerzug. Zu den Wartenden begleiten 150.000 Menschen  den Parteivorsitzenden auf seinem letzten Weg.

Am 9. November 1918 wurde der Kaiser zum Abdanken gezwungen. Es kam zum Spartakusaufstand, der um das Zeitungsviertel in der Kochstraße statt fand. Wer Macht haben wollte, der musste das Nachrichtenzentrum unter seine Kontrolle bringen. Augenzeugen berichteten davon wie das Verlagsgebäude des Vorwärts gestürmt wurde. 295 Menschen wurde gefangen genommen und auf dem Hof misshandelt und teilweise erschossen. Mit schweren Maschinengewehren wurden die Fenster zerschossen. Durch Granaten wurden Wände eingerissen,  Gasleitungen platzten, es breitete sich Feuer aus. Menschen die aus dem Gebäude flüchteten, liefen den Regierungstruppen direkt in die Arme.
Die Auseinandersetzungen zwischen KPD und SPD hielten an und erleichterten den Nazis den Weg zur Macht.

Gegen die Nazis

Es gab auch Revolutionen gegen die Nazis in Kreuzberg. Flugblätter, von Wolfgang Thiess von der Hochbahn am Halleschen Tor geworfen, Parolen an die Hauswände geschrieben, versuchten das Schlimmste zu verhindern. Es gab einige geheime Treffpunkte zum Austausch von Nachrichten. So z.B. in der Hornstraße 3, die Wohnung von der Studentin Ursula Goetze. Dort trafen sich Mitglieder der Roten Kapelle, eine der größten Widerstandsorganisationen.

Aber wie im ganzen Land, gab es nicht genug Revolution gegen die Nationalsozialisten. Auch in Kreuzberg wurden zu viele Menschen inhaftiert, misshandelt und gemordet. Von den 6.000 Juden die 1933 in Kreuzberg gelebt haben, waren bei Kriegsende nur noch 400 “übrig”. Geschützt durch arische Lebenspartner oder als U-Boote im Untergrund, haben sie überlebt. Tatsächlich durfte ich einen Menschen kennen lernen, der als U-Boot in Berlin gelebt hat. Isaak Behar hatte mir damals sein Buch geschenkt.

Mauerbau und 80er Jahre

Kreuzberg hatte Einiges abbekommen im Krieg. Einiges war zerstört und wurde notdürftig instandgesetzt, bzw. abgerissen und neu gebaut. Die Russen habe sich ihren Teil vom (Berliner) Kuchen abgetrennt und eine Mauer  (u.a. quer durch Kreuzberg) gezogen, die viele Berliner auf den Plan rief, um zu demonstrieren. Ein Ausschlag war wohl, als Peter Fechter mit einem Freund 1962 über die Mauer machen wollte, angeschossen wurde und vor der Mauer im Gebiet der DDR verblutete, ohne dass ihm jemand zu Hilfe gekommen wäre. Hunderte West-Berliner zogen am Abend durch die Straßen, Autos gingen in Flammen auf. Die Westberliner Polizei hatte Mühe die Grenze nach Ost-Berlin zu schützen. Eine Revolution!

1975 viel ein kleiner türkischer Junge (Ceti Mert) in die Spree, weil er seinen Ball aus dem Wasser fischen wollte. Die Spree galt als Grenzgebiet. Der Junge konnte von den Westberliner Rettungskräften nicht gerettet werden, weil die Spree extrem gut bewacht wurde und die Soldaten auf die Retter geschossen hätten. Erst eine dreiviertel Stunde später trafen die Ostberliner ein und bargen, eine weitere Stunde später, 5 Meter von der Westberliner Seite, die Leiche des Fünfjährigen. Die kleine Leiche wurde aber nicht den Eltern übergeben, sondern in die Ostberliner Charité gebracht. Erst Tage später durften die Westberliner Eltern ihren kleinen Jungen zurückbekommen, um ihn zu beerdigen. Das löste unter den Westberlinern große Proteste aus. 2.000 Menschen stellten sich wütend ans Spreeufer, mit Plakaten und Transparenten. Lautstark forderten sie “Nieder mit dem Mördersystem Kommunismus”. Beobachtet und dokumentiert von der Stasi auf dem Ostufer der Spree.

Ich habe dir jetzt so viel von den Revolutionen in Berlin erzählt. Dabei fehlt noch ein ganzes Stück zu diesem Thema. Aber das hier sollte erst einmal reichen. Im 12tel Blick Mai, geht es dann weiter. Dieser Blick geht nun zu Verfuchst und zugenäht, wo noch mehr Blicke zu finden sind. Einmal im Monat immer von dem selben Standort aus fotografiert, sieht man den Wandel der Zeit …

3+

Leben in Kreuzberg {12tel Blick April}

Das Leben in Kreuzberg um 1900

Ich hatte ja schon im Januar davon erzählt, wer sich alles nach Berlin begeben hat, um hier zu leben bzw. das Glück zu finden. Die Luisenstadt, ein Teil des heutigen Kreuzbergs entwickelte sich immer mehr zu einem Arbeiter- und Mittelstandbezirk. Die Luisen-Vorstadt und die Tempelhofer-Vorstadt wurde 1920 als 6. Bezirk eingemeindet. Dabei ging der südliche Teil der Luisenstadt an die Berliner Mitte. In Kreuzberg lebte eine bunte Mischung Menschen. Arbeiten und Vergnügen, Wohnen und Handel machten das Leben in diesem Bezirk interessant. 366299 Einwohner zählte der Bezirk. Es war eng, aber der Berliner machte das Beste daraus. Das Leben war sehr bunt und bestimmt nicht immer einfach.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg zog es viele junge Menschen in die große Stadt. Es sind die Jungen, die sich Erfolg und Reichtum erhoffen. Ein Teil der Landbevölkerung zieht weiter nach Übersee. 85 % der Neuberliner sind vom Lande und vermissen ihre Dörfer. Die Kieze in der Stadt ersetzen ihre alte Heimat. Bis heute leben Berliner in ihren “Dörfern”
40 000 Mädchen und junge Frauen kommen um 1900 jedes Jahr nach Berlin. Ohne festen Wohnsitz zieht es sie als erstes zur Stellenvermittlung. Als Dienstmädchen, “Mädchen für alles”, arbeiten sie meist in den herrschaftlichen Wohnungen, schlafen auf Hängeböden oder winzigen Kammern und arbeiten rund um die Uhr. Wenn sich die Möglichkeit bietet, dann finden sie eine Stelle in einer Fabrik, um endlich auch mal ein wenig Freizeit zu haben. Die Unglücklichen werden Prostituierte, die Glücklichen finden einen ordentlichen Handwerker und gründen eine Familie.

Rund um den Görlitzer- und Schlesischen Bahnhof entstanden schnell gebaute Wohnquartiere. Mietskasernen. Eng, mit Toiletten auf dem Hausflur. Eine Stube und Küche für bis zu sieben Personen, nebst Hühnern und Kaninchen. Meistens reicht das knappe Geld kaum, um die Miete zu zahlen, weshalb die Betten tagsüber an Schlafburschen vermietet wurden. Durch Heimarbeit sorgten auch die Mütter für ein kleines Einkommen.

Arme Familien konnten neu gebaute Wohnungen “trocken wohnen”. Ein halbes Jahr durften die Armen kostenfrei dort einziehen. Oftmals zogen sie danach in die nächste “nasse” Wohnung, wodurch sie sich mit der gefürchteten Tuberkulose ansteckten. Am 1. April und 1. Oktober waren “Ziehtage”, da die Verträge halbjährlich ausliefen. Ärgerlich, wenn man keine neue Wohnung fand. Dann wurden auf freien Plätzen Baracken gebaut. Am Kottbusser Tor entstand eine kleine “Stadt” Barackia. Es waren ordentliche Menschen die sich dazu genötigt fühlten, ein Häuschen (Baracke) zu bauen. Manche hatten sogar kleine Küchen oder Vorratskammern. Die Frauen schmückten die einfachen Behausungen mit kleinen Gardinen und Tapeten, um es ein wenig erträglicher zu machen. Die Gutsituierten strömten nach Barackia,  um die Zigeunerstadt zu betrachten. Schaulustige gab es eben schon immer. Auch heute noch findet man Baracken auf leerstehenden Grundstücken in Kreuzberg.

1886 eröffnete die erste städtische Desinfektionsanstalt. Sie war für ganz Berlin  zuständig. Nachdem es in Frankreich zu einer Choleraepidemie kam und Rudolf Virchow einige Erreger und Bakterien gefunden hatte, beschloss man, dass es besser wäre die Keime aus den Wohnungen zu entfernen. 14 Mitarbeiter desinfizierten Betten, Matratzen und Kleider. Die Wohnungen wurden mit dem Formalinverfahren (Formaldehyd in Wasser gelöst, verdampft) desinfiziert. Vorher hatte man die Wände der infizierten Wohnungen mit Brot abgerieben.

In Kreuzberg brodelte das Leben und so manches ist dort geschehen. Aber davon möchte ich dir im nächsten Monat erzählen. Meinen 12tel Blick verlinke ich wieder bei Eva und hoffe, du hattest ein wenig Freude an meinen Recherchen.

 

4+

Kreuzberger Wein { 12tel Blick Februar 2020}

Kreuzberger Wein und der Viktoria Park

Glaubst du nicht? Ist aber so. Es gab ein Wein vom Kreuzberg. Aber wie es dazu kam,  erzähle ich dir gleich. Erst einmal, knüpfe ich an den 12tel Blick vom Januar an.
Nun hatten die Berliner eine tolle Domspitze, ohne Kirchenschiff, mitten auf einem großen Berg. (Du erinnerst dich, ganze 66,11 m hoch). Aber das reichte noch nicht. Ein schicker Park sollte noch drumherum entstehen. Friedrich Schinkel hatte sich da so seine Gedanken gemacht. Aber erst 70 Jahre nach seinen Ideen entstand ein Park auf dem sandigen Hügel nach den Plänen von Hermann Mächtig. Ein Volkspark, wie der Tiergarten oder der Friedrichshain, sollte es werden. Zu Ehren der Königin wurde der Viktoria Park 1894 eröffnet. Der Park hat einen gebirgsähnlichen Charakter. Es gibt kleine, und einen großen Wasserfall (24 Meter). Es blubbern sogar einige kleine Quellen. Manche Wege sind hübsch verschlungen und es gibt große Wiesen und mächtige Bäume. Und an einem Nordhang des Kreuzberg wächst in einer Gärtnerei (heute wieder) Wein.

Nun hieß der Stadtteil von Großberlin aber immer noch nicht Kreuzberg. Erst 1921 erhielt die Luisenstadt den Namen Kreuzberg, nach dem Denkmal auf der Erhebung.

 

Um den Kreuzberg drumherum

Auch davon hatte ich in meinem letzten Post schon erzählt. Die vielen Einwanderer brachten viel handwerkliche Fähigkeiten mit. Vor allem im Bereich des Textil- und Bekleidungsgewerbe siedelten sich einige spätere Fabrikanten an dem Ufer der Spree an. Mit ihrem weichen Wasser, war die Spree optimal. Aber auch Töpfereien entstanden. Unter anderem ein Betrieb der sich auf Ofenbau (Zimmeröfen) spezialisierte. Gleichzeitig produzierte die Firma von Tobias Christoph Feilner glasierte Ziegel, die Farbe in die unverputzten Backsteinbauten brachten.

Carl Friedrich Schinkel wünschte sich, dass viel mehr Bauten damit verziert werden sollen. So entstanden einige Schulen, Kasernen, Hospitäler und Bahnhöfe mit diesen hübschen farbigen Verblendsteinen, die man immer noch in der Stadt finden kann. Kreuzberg ist ein Bezirk der Arbeiter und Fabriken. Auch wenn man es den herrschaftlichen Häuser von außen kaum ansehen kann, auf den Hinterhöfen (manchmal bis zu 6 an der Zahl), herrschte starke Betriebsamkeit, brodelte das Leben, florierten die Fabriken.

Damit die Handwerker auch genügend Material bekommen konnten, und Berlin den Anschluss an die Welt nicht verlor wurden einige Bahnhöfe und vor allem Bahnlinien gebaut. Ein besonders imposanter Bau war der Anhalter Bahnhof. So wurde das rohstoffarme Berlin zu einem Knotenpunkt Mitteleuropas. Dabei spielte auch das Gleisdreieck eine große Rolle.

Technische Entwicklung

1816 wurde ein Mann in der Nähe von Hannover geboren, der ebenfalls eine große Rolle bei der Entwicklung Berlins spielte. Werner Siemens wurde durch den Militärdienst nach Preußen verschlagen, wobei er mit der Entwicklung des Telegrafenapparates betraut war. Scheinbar gefiel es ihm in dem quirligen Berlin. Er gründete  1847 mit dem Mechaniker Johan Georg Halske die Telegrafenbauanstalt Siemens & Halske in der Nähe vom Anhalter Bahnhof. Zwei Jahre später war der Betrieb schon mit 25 Arbeitern die größte mechanische Werkstatt Berlins und 1851 waren die Räume zu klein geworden, um für Feuerwehr, Polizei, Bahn und wer weiß für wen noch alles, Telegrafensysteme zu bauen. Nebenbei erfand Siemens auch noch die Dynamomaschine. Strom war für Berlin eine Bereicherung. Siemens und Halske entwickelten später eine elektrische Lok und sorgten dafür, dass in Berlin eine Untergrundbahn (U-Bahn) gebaut wurde.
Aber nicht nur die Technik machte Siemens bekannt. Er engagierte sich auch im Sozialen. Er richtete Pensionskassen für seiner Arbeiter ein, damit sie sich immer mit ihrer Firma identifizieren können.
1903 erhielt Siemens den Auftrag, die Beleuchtungsanlage für den künstlichen Wasserfall am Kreuzbergdenkmal wieder herzurichten.

Jetzt habe ich wieder die Kurve zu meinem Blick bekommen. Ich habe dir eine Menge aus der Stadt und insbesondere von Kreuzberg erzählt. Es hat dir hoffentlich wieder Spaß gemacht, etwas über meine Stadt zu erfahren.  Den Blick verlinke ich wieder zu Evas 12tel Blick. Ach ja, der Wein! Den gibt es noch heute. Ich selber habe ihn noch nie probiert, er soll nicht besonders süß sein. Aber es ist eine Rarität und man kann ihn nicht kaufen, man bekommt ihn nur geschenkt.

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