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Frauen in Kreuzberg {12tel Blick Juni}

Frauen in Kreuzberg

Es ist wieder so weit, ich will dir etwas aus meiner Stadt erzählen. Dieses mal habe ich das Thema Frauen in Kreuzberg ausgesucht. Natürlich lebten und leben in jedem Bezirk spannende Frauen. Da es sich in meinem 12tel Blick um Kreuzberg dreht, bleiben wir bei den Frauen, die hier etwas besonderes veranstaltet haben. Nicht alles war gut. Es gab auch einige Frauen, die sich verkauft und andere denunziert, gemordet und geklaut haben. Ich habe allerdings nur eine von vielen herausgesucht:

Die Frau, die ich heute vorstellen möchte ist Lina Bauer (spätere Morgenstern). Sie wurde am 25. November 1830 in Breslau als drittes von sechs Kindern geboren. Sie stammt also aus Schlesien, (was für eine Überraschung… Ich hatte hier schon davon erzählt, wie viele Menschen in die große Stadt strömten). Als Kind einer jüdischen Fabrikantenfamilie ging sie zu einem liberalen Rabbiner in den Religionsunterricht.

Doch damit wollte sie sich nicht zufrieden geben und studierte selber Literatur und Kunstgeschichte. Außerdem erhielt sie privaten Unterricht in Sprachen, Musik und Gesang. Sie begann sich mit 18 für Politik zu interessieren und gründete mit Freundinnen den „Pfennigverein zur Unterstützung armer Schulkinder“, der Schulbücher, Kleidung  und Schulmaterial für bedürftige Kinder sammelte.

Ab nach Berlin

Die junge Lina Bauer traf den armen polnischen Juden Theodor Morgenstern und 1854 war sie zum Missfallen ihrer Eltern mit ihm verheiratet. Scheinbar hielten es die Beiden nicht in Breslau aus, weshalb sie nach Berlin gingen. Doch auch da verdiente Theodor nicht mehr Geld, doch Lina hatte eigene Ideen. 1859 bekam sie ihr erstes Kind und weil sie scheinbar damit nicht ausgelastet war, gründete sie den „Berliner Frauen-Verein zur Beförderung der Fröbel’schen Kindergärten“ und später den ersten Berliner Kindergarten nach Ideen des Reformpädagogen Friedrich Fröbel.

Ein bisschen gewagt, denn seit 1851 waren Kindergärten von der preußischen Regierung verboten. Die Theorien des Herrn Fröbel ( Selbstständigkeit fördern, spielen bildet,…) widersprachen dem Gedanken der Preußen, selbstständige und -denkende Einwohner zu verwalten.

Zwei Jahre später hob die preußische Regierung das Kindergartenverbot auf und sofort gründete Lina Morgenstern den ersten Fröbelschen Kindergarten. Genau am Fuße des Kreuzbergs. Ein Idyll mit Obst- und Laubbäumen, Kühen und Hühnern. Täglich kam ein Arzt vorbei und die betreuten 20 Kinder fanden hier viel Platz zum spielen. Die Kinder wurden nach ihrem Entwicklungsstand und ihren Fähigkeiten gefördert.

Volksspeisungen

Lina Morgenstern war damit aber immer noch nicht zufrieden. Sie gründete auch den Verein der Berliner Volksküchen. Für kleines Geld (25 Pfennige), bekam man dort eine ordentliche Portion. Schon bei der Eröffnung wurden zwischen 11 und 13 Uhr 400 Personen in den, für diese vielen Menschen zu kleinen Räumen, versorgt.

Die Speisen mussten so besonders sein, dass Lina später ein Kochbuch heraus gab. Die Volksküchen trugen sich selber, Verwaltung, Leitung und Essensausgabe oblag jungen Bürgerinnen, die sich in neuen Pflichten üben sollten. Bis zur Jahrhundertwende entstanden sieben Volksküchen in Kreuzberg und noch mehr in der ganzen Stadt. Das Konzept ging so gut auf, dass Lina bald schon den Spitznamen Suppenlina erhält.

Sie bleibt aber nicht die Suppenlina, 1868 gründet sie die Akademie zur Fortbildung junger Damen, 1873 den Berliner Hausfrauenverein. Von 1874 an gibt sie die Deutsche Hausfrauen-Zeitung heraus. Als radikal wird diese Zeitung innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung genannt. Sie fordert die politische Gleichberechtigung von Frauen.
Als sich 1894 der Bund deutscher Frauenvereine gründet, setzt sich Lina vergeblich für die Aufnahme der Arbeiterinnenvereine ein. Sie lässt sich damit aber nicht aus dem Konzept bringen und spricht vor 1800 Delegierten aus aller Welt auf dem auf dem ersten Internationalen Frauenkongress in Berlin.

Ihr Leben

Lina Morgenstern hat ihr ganzes Leben dem sozialen Gefüge und  Frauenrecht gewidmet, ganz nach dem jüdischen Gebot der Gerechtigkeit ( Dem Bedürftigen die Möglichkeit zu geben, sich selbständig zu ernähren: Hilfe zur Selbsthilfe. Wohltätig sein in einer Weise, dass der Spender und der Bedürftige nicht voneinander wissen. Der Wohltäter weiß, wem er gibt, aber der Arme erfährt nicht von der Identität des Spenders. Der Gebende kennt nicht die Identität des Bedürftigen, aber dieser kennt den Spender. Geben, bevor man gebeten wird. Geben, nachdem man gebeten wird. Zwar nicht ausreichend, aber mit Freundlichkeit geben.)

Am 16. Dezember 1909 verstarb sie in Berlin. Ihr Grab findet man auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee.

Wieder habe ich dir etwas über meinen Bezirk Kreuzberg erzählt. Die Bilder gehen wieder zum 12tel Blick, den Eva auf ihrem Blog Verfuchst und zugenäht sammelt.

3+

Revolutionsgebiet Kreuzberg {12tel Blick April}

Revolution in Kreuzberg

Irgendwie waren die Menschen in Kreuzberg immer schon ein wenig auf Krawall und Revolution gebürstet. Vielleicht lag es an dem Zusammenleben der verschiedenen Menschen mit ihren Eigenarten, die sie aus ihren jeweiligen Kulturen mitgebracht haben. Eventuell lag es auch daran, dass schon 1863 der Allgemein Deutsche Arbeiterverein in der Gitschiner Straße gegründet wurde. Immerhin lebten in Kreuzberg überwiegend Arbeiter.

Im Mai 1868 fand im Tivoli auf dem Kreuzberg (du erinnerst dich, vom Tivoli hatte ich hier geschrieben) eine Volksversammlung gegen die Mietsteuer statt. Zur Reichstagswahl im Januar 1877 waren 22.000 Menschen im Tivoli dabei gewesen.  Eng an eng standen die Menschen, so dass man kaum den Arm heben konnte und lauschten dem in Berlin überaus beliebten Arbeiterpolitiker August Heinsch.
1878 starb August Heinsch an der Schwindsucht mit nur 31 Jahren. Sein Tod führte zu einer Beerdigungsdemonstration sonder Gleichen. Menschenmassen stehen dem Leichezug im Weg herum und weil es ein Verbot, Fahnen zutragen gab, war es fast unmöglich den Zug zu sortieren. Mit größer Verspätung setzte sich der Zug dann in Bewegung.

Randale und Revolution

Soldaten der Berliner Garnison durften einige Wirtschaften im Jahre 1878 nicht betreten, da dort die Sozialisten verkehrten. Es konnte aber auch sein, dass so mancher Sozialist einer “bürgerlichen” Kneipe verwiesen wurde. Bebel und Liebknecht wurde zum Beispiel angeraten, das Lokal am Moritzplatz zu verlassen, da Gäste sich über ihre Anwesenheit beschwert hätten. 
Immer wieder kam es zu Ausschreitungen gegen die Sozialdemokraten. Während einer Arbeiterfrauen und -Mädchenversammlung in einem zu kleinen Ballsaal, mussten die Männer den Saal verlassen. Als die Versammlung dann zu Ende war, die einfach gekleideten Frauen das Gasthaus verließen, traf sie ein Steinhagel. Zum Glück verletzte sich kaum eine der Frauen. Emma Ihrer war damals die Rednerin.

1882 wurde zehn Mitglieder der SPD ausgewiesen. Weshalb sich zu ihrer “Verabschiedung” 1000 Menschen im Wartesaal des Anhalter Bahnhofs drängten. Als es der Polizei dann zu bunt wurde, versuchte diese die Versammlung aufzulösen. Die Arbeiter antworteten mit der Arbeiter-Marsellaise und stürmischen Hochs. Das führte dazu, dass die Polizisten Frauen an den Haaren aus dem Gebäude zogen und sie ausgiebigen Gebrauch ihrer Plempe machten.

Revolution im Zeitungsviertel

Die SPD hatte ihren Hauptsitz in der Lindenstraße. Dort wurde auch der Vorwärts herausgegeben. Das Lokalblatt der Sozialdemokraten. 100.000 Exemplare wurden verkauft. Und vielfach nach dem Lesen weitergereicht. 1911 starb der Gründer Paul Singer des Vorwärts. Auch zu diesem Trauerzug strömten die Menschen aus allen Richtungen. Die Menschen verstopfen die Straßen rund um das Kottbusser Tor. Noch mehr Menschen hingen aus den Fenstern und warten auf den Trauerzug. Zu den Wartenden begleiten 150.000 Menschen  den Parteivorsitzenden auf seinem letzten Weg.

Am 9. November 1918 wurde der Kaiser zum Abdanken gezwungen. Es kam zum Spartakusaufstand, der um das Zeitungsviertel in der Kochstraße statt fand. Wer Macht haben wollte, der musste das Nachrichtenzentrum unter seine Kontrolle bringen. Augenzeugen berichteten davon wie das Verlagsgebäude des Vorwärts gestürmt wurde. 295 Menschen wurde gefangen genommen und auf dem Hof misshandelt und teilweise erschossen. Mit schweren Maschinengewehren wurden die Fenster zerschossen. Durch Granaten wurden Wände eingerissen,  Gasleitungen platzten, es breitete sich Feuer aus. Menschen die aus dem Gebäude flüchteten, liefen den Regierungstruppen direkt in die Arme.
Die Auseinandersetzungen zwischen KPD und SPD hielten an und erleichterten den Nazis den Weg zur Macht.

Gegen die Nazis

Es gab auch Revolutionen gegen die Nazis in Kreuzberg. Flugblätter, von Wolfgang Thiess von der Hochbahn am Halleschen Tor geworfen, Parolen an die Hauswände geschrieben, versuchten das Schlimmste zu verhindern. Es gab einige geheime Treffpunkte zum Austausch von Nachrichten. So z.B. in der Hornstraße 3, die Wohnung von der Studentin Ursula Goetze. Dort trafen sich Mitglieder der Roten Kapelle, eine der größten Widerstandsorganisationen.

Aber wie im ganzen Land, gab es nicht genug Revolution gegen die Nationalsozialisten. Auch in Kreuzberg wurden zu viele Menschen inhaftiert, misshandelt und gemordet. Von den 6.000 Juden die 1933 in Kreuzberg gelebt haben, waren bei Kriegsende nur noch 400 “übrig”. Geschützt durch arische Lebenspartner oder als U-Boote im Untergrund, haben sie überlebt. Tatsächlich durfte ich einen Menschen kennen lernen, der als U-Boot in Berlin gelebt hat. Isaak Behar hatte mir damals sein Buch geschenkt.

Mauerbau und 80er Jahre

Kreuzberg hatte Einiges abbekommen im Krieg. Einiges war zerstört und wurde notdürftig instandgesetzt, bzw. abgerissen und neu gebaut. Die Russen habe sich ihren Teil vom (Berliner) Kuchen abgetrennt und eine Mauer  (u.a. quer durch Kreuzberg) gezogen, die viele Berliner auf den Plan rief, um zu demonstrieren. Ein Ausschlag war wohl, als Peter Fechter mit einem Freund 1962 über die Mauer machen wollte, angeschossen wurde und vor der Mauer im Gebiet der DDR verblutete, ohne dass ihm jemand zu Hilfe gekommen wäre. Hunderte West-Berliner zogen am Abend durch die Straßen, Autos gingen in Flammen auf. Die Westberliner Polizei hatte Mühe die Grenze nach Ost-Berlin zu schützen. Eine Revolution!

1975 viel ein kleiner türkischer Junge (Ceti Mert) in die Spree, weil er seinen Ball aus dem Wasser fischen wollte. Die Spree galt als Grenzgebiet. Der Junge konnte von den Westberliner Rettungskräften nicht gerettet werden, weil die Spree extrem gut bewacht wurde und die Soldaten auf die Retter geschossen hätten. Erst eine dreiviertel Stunde später trafen die Ostberliner ein und bargen, eine weitere Stunde später, 5 Meter von der Westberliner Seite, die Leiche des Fünfjährigen. Die kleine Leiche wurde aber nicht den Eltern übergeben, sondern in die Ostberliner Charité gebracht. Erst Tage später durften die Westberliner Eltern ihren kleinen Jungen zurückbekommen, um ihn zu beerdigen. Das löste unter den Westberlinern große Proteste aus. 2.000 Menschen stellten sich wütend ans Spreeufer, mit Plakaten und Transparenten. Lautstark forderten sie “Nieder mit dem Mördersystem Kommunismus”. Beobachtet und dokumentiert von der Stasi auf dem Ostufer der Spree.

Ich habe dir jetzt so viel von den Revolutionen in Berlin erzählt. Dabei fehlt noch ein ganzes Stück zu diesem Thema. Aber das hier sollte erst einmal reichen. Im 12tel Blick Mai, geht es dann weiter. Dieser Blick geht nun zu Verfuchst und zugenäht, wo noch mehr Blicke zu finden sind. Einmal im Monat immer von dem selben Standort aus fotografiert, sieht man den Wandel der Zeit …

3+

Leben in Kreuzberg {12tel Blick April}

Das Leben in Kreuzberg um 1900

Ich hatte ja schon im Januar davon erzählt, wer sich alles nach Berlin begeben hat, um hier zu leben bzw. das Glück zu finden. Die Luisenstadt, ein Teil des heutigen Kreuzbergs entwickelte sich immer mehr zu einem Arbeiter- und Mittelstandbezirk. Die Luisen-Vorstadt und die Tempelhofer-Vorstadt wurde 1920 als 6. Bezirk eingemeindet. Dabei ging der südliche Teil der Luisenstadt an die Berliner Mitte. In Kreuzberg lebte eine bunte Mischung Menschen. Arbeiten und Vergnügen, Wohnen und Handel machten das Leben in diesem Bezirk interessant. 366299 Einwohner zählte der Bezirk. Es war eng, aber der Berliner machte das Beste daraus. Das Leben war sehr bunt und bestimmt nicht immer einfach.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg zog es viele junge Menschen in die große Stadt. Es sind die Jungen, die sich Erfolg und Reichtum erhoffen. Ein Teil der Landbevölkerung zieht weiter nach Übersee. 85 % der Neuberliner sind vom Lande und vermissen ihre Dörfer. Die Kieze in der Stadt ersetzen ihre alte Heimat. Bis heute leben Berliner in ihren “Dörfern”
40 000 Mädchen und junge Frauen kommen um 1900 jedes Jahr nach Berlin. Ohne festen Wohnsitz zieht es sie als erstes zur Stellenvermittlung. Als Dienstmädchen, “Mädchen für alles”, arbeiten sie meist in den herrschaftlichen Wohnungen, schlafen auf Hängeböden oder winzigen Kammern und arbeiten rund um die Uhr. Wenn sich die Möglichkeit bietet, dann finden sie eine Stelle in einer Fabrik, um endlich auch mal ein wenig Freizeit zu haben. Die Unglücklichen werden Prostituierte, die Glücklichen finden einen ordentlichen Handwerker und gründen eine Familie.

Rund um den Görlitzer- und Schlesischen Bahnhof entstanden schnell gebaute Wohnquartiere. Mietskasernen. Eng, mit Toiletten auf dem Hausflur. Eine Stube und Küche für bis zu sieben Personen, nebst Hühnern und Kaninchen. Meistens reicht das knappe Geld kaum, um die Miete zu zahlen, weshalb die Betten tagsüber an Schlafburschen vermietet wurden. Durch Heimarbeit sorgten auch die Mütter für ein kleines Einkommen.

Arme Familien konnten neu gebaute Wohnungen “trocken wohnen”. Ein halbes Jahr durften die Armen kostenfrei dort einziehen. Oftmals zogen sie danach in die nächste “nasse” Wohnung, wodurch sie sich mit der gefürchteten Tuberkulose ansteckten. Am 1. April und 1. Oktober waren “Ziehtage”, da die Verträge halbjährlich ausliefen. Ärgerlich, wenn man keine neue Wohnung fand. Dann wurden auf freien Plätzen Baracken gebaut. Am Kottbusser Tor entstand eine kleine “Stadt” Barackia. Es waren ordentliche Menschen die sich dazu genötigt fühlten, ein Häuschen (Baracke) zu bauen. Manche hatten sogar kleine Küchen oder Vorratskammern. Die Frauen schmückten die einfachen Behausungen mit kleinen Gardinen und Tapeten, um es ein wenig erträglicher zu machen. Die Gutsituierten strömten nach Barackia,  um die Zigeunerstadt zu betrachten. Schaulustige gab es eben schon immer. Auch heute noch findet man Baracken auf leerstehenden Grundstücken in Kreuzberg.

1886 eröffnete die erste städtische Desinfektionsanstalt. Sie war für ganz Berlin  zuständig. Nachdem es in Frankreich zu einer Choleraepidemie kam und Rudolf Virchow einige Erreger und Bakterien gefunden hatte, beschloss man, dass es besser wäre die Keime aus den Wohnungen zu entfernen. 14 Mitarbeiter desinfizierten Betten, Matratzen und Kleider. Die Wohnungen wurden mit dem Formalinverfahren (Formaldehyd in Wasser gelöst, verdampft) desinfiziert. Vorher hatte man die Wände der infizierten Wohnungen mit Brot abgerieben.

In Kreuzberg brodelte das Leben und so manches ist dort geschehen. Aber davon möchte ich dir im nächsten Monat erzählen. Meinen 12tel Blick verlinke ich wieder bei Eva und hoffe, du hattest ein wenig Freude an meinen Recherchen.

 

4+

Kreuzberger Wein { 12tel Blick Februar 2020}

Kreuzberger Wein und der Viktoria Park

Glaubst du nicht? Ist aber so. Es gab ein Wein vom Kreuzberg. Aber wie es dazu kam,  erzähle ich dir gleich. Erst einmal, knüpfe ich an den 12tel Blick vom Januar an.
Nun hatten die Berliner eine tolle Domspitze, ohne Kirchenschiff, mitten auf einem großen Berg. (Du erinnerst dich, ganze 66,11 m hoch). Aber das reichte noch nicht. Ein schicker Park sollte noch drumherum entstehen. Friedrich Schinkel hatte sich da so seine Gedanken gemacht. Aber erst 70 Jahre nach seinen Ideen entstand ein Park auf dem sandigen Hügel nach den Plänen von Hermann Mächtig. Ein Volkspark, wie der Tiergarten oder der Friedrichshain, sollte es werden. Zu Ehren der Königin wurde der Viktoria Park 1894 eröffnet. Der Park hat einen gebirgsähnlichen Charakter. Es gibt kleine, und einen großen Wasserfall (24 Meter). Es blubbern sogar einige kleine Quellen. Manche Wege sind hübsch verschlungen und es gibt große Wiesen und mächtige Bäume. Und an einem Nordhang des Kreuzberg wächst in einer Gärtnerei (heute wieder) Wein.

Nun hieß der Stadtteil von Großberlin aber immer noch nicht Kreuzberg. Erst 1921 erhielt die Luisenstadt den Namen Kreuzberg, nach dem Denkmal auf der Erhebung.

 

Um den Kreuzberg drumherum

Auch davon hatte ich in meinem letzten Post schon erzählt. Die vielen Einwanderer brachten viel handwerkliche Fähigkeiten mit. Vor allem im Bereich des Textil- und Bekleidungsgewerbe siedelten sich einige spätere Fabrikanten an dem Ufer der Spree an. Mit ihrem weichen Wasser, war die Spree optimal. Aber auch Töpfereien entstanden. Unter anderem ein Betrieb der sich auf Ofenbau (Zimmeröfen) spezialisierte. Gleichzeitig produzierte die Firma von Tobias Christoph Feilner glasierte Ziegel, die Farbe in die unverputzten Backsteinbauten brachten.

Carl Friedrich Schinkel wünschte sich, dass viel mehr Bauten damit verziert werden sollen. So entstanden einige Schulen, Kasernen, Hospitäler und Bahnhöfe mit diesen hübschen farbigen Verblendsteinen, die man immer noch in der Stadt finden kann. Kreuzberg ist ein Bezirk der Arbeiter und Fabriken. Auch wenn man es den herrschaftlichen Häuser von außen kaum ansehen kann, auf den Hinterhöfen (manchmal bis zu 6 an der Zahl), herrschte starke Betriebsamkeit, brodelte das Leben, florierten die Fabriken.

Damit die Handwerker auch genügend Material bekommen konnten, und Berlin den Anschluss an die Welt nicht verlor wurden einige Bahnhöfe und vor allem Bahnlinien gebaut. Ein besonders imposanter Bau war der Anhalter Bahnhof. So wurde das rohstoffarme Berlin zu einem Knotenpunkt Mitteleuropas. Dabei spielte auch das Gleisdreieck eine große Rolle.

Technische Entwicklung

1816 wurde ein Mann in der Nähe von Hannover geboren, der ebenfalls eine große Rolle bei der Entwicklung Berlins spielte. Werner Siemens wurde durch den Militärdienst nach Preußen verschlagen, wobei er mit der Entwicklung des Telegrafenapparates betraut war. Scheinbar gefiel es ihm in dem quirligen Berlin. Er gründete  1847 mit dem Mechaniker Johan Georg Halske die Telegrafenbauanstalt Siemens & Halske in der Nähe vom Anhalter Bahnhof. Zwei Jahre später war der Betrieb schon mit 25 Arbeitern die größte mechanische Werkstatt Berlins und 1851 waren die Räume zu klein geworden, um für Feuerwehr, Polizei, Bahn und wer weiß für wen noch alles, Telegrafensysteme zu bauen. Nebenbei erfand Siemens auch noch die Dynamomaschine. Strom war für Berlin eine Bereicherung. Siemens und Halske entwickelten später eine elektrische Lok und sorgten dafür, dass in Berlin eine Untergrundbahn (U-Bahn) gebaut wurde.
Aber nicht nur die Technik machte Siemens bekannt. Er engagierte sich auch im Sozialen. Er richtete Pensionskassen für seiner Arbeiter ein, damit sie sich immer mit ihrer Firma identifizieren können.
1903 erhielt Siemens den Auftrag, die Beleuchtungsanlage für den künstlichen Wasserfall am Kreuzbergdenkmal wieder herzurichten.

Jetzt habe ich wieder die Kurve zu meinem Blick bekommen. Ich habe dir eine Menge aus der Stadt und insbesondere von Kreuzberg erzählt. Es hat dir hoffentlich wieder Spaß gemacht, etwas über meine Stadt zu erfahren.  Den Blick verlinke ich wieder zu Evas 12tel Blick. Ach ja, der Wein! Den gibt es noch heute. Ich selber habe ihn noch nie probiert, er soll nicht besonders süß sein. Aber es ist eine Rarität und man kann ihn nicht kaufen, man bekommt ihn nur geschenkt.

3+

Kreuzberg, ein Teil Berlins (12tel Blick 2020)

Kreuzberg, ein Stadtteil von Berlin

Ich will dir heute wieder ein Stadtteil von Berlin vorstellen. Meinen Blick habe ich auf den Kreuzberg gerichtet. Und Ich  ich werde dir einiges über den Berg selber und noch mehr über die Bewohner Berlins erzählen.

Im 17. Jahrhundert war Kreuzberg noch Weideland vor den Stadtmauern Berlins und hieß Luisenstadt. Die dort ansässigen Bauern waren Hugenotten, die wegen ihrem Glauben aus Frankreich geflüchtet waren,  die ersten Bewohner. Friedrich der III. fand es prima, dass sich Einwanderer als gut ausgebildete Handwerker, vor den Toren der Stadt niederließen. Wie immer fehlte es an guten Handwerkern (So wie heute auch) Die Berliner fanden das aber gar nicht witzig, da das Fürstenhaus den Hugenotten einige Privilegien zugestand. Die Berliner beschimpften die Einwanderer als Paddenschlucker (Froschfresser) und noch so einiges mehr.

Das hielt die Adoptivkinder Preußens aber nicht davon ab, weiterhin nach Berlin zu strömen. Französisch wurde bald nicht nur am Hofe, sondern auch in der Stadt gesprochen. Etepetete (être peu-têtre), Muckefuck (mocca faux) und todschick (tout chic), mutterseelenallein (moi tout seul), ratzekal (radical) waren Worte, die man überall hörte und immer noch hört.

Die Vorstadt

Das Bild der Vorstadt prägten Gärten. Die Franzosen machten es vor, die Berliner/Brandenburger nahmen es an und verfeinerten es. Es entstanden Gewächshäuser und Obstgärten. Es tauchten Gemüsesorten auf, die waren den Einheimischen noch gar nicht bekannt. Grüne Erbsen, Spargel, Blumenkohl und Maulbeerbäume, bis hin zu Orangen- und Zitronenbäume und Artischocken. Die Gärten waren bemerkenswert. Einige Straßen Berlins tragen tatsächlich auch noch Namen, die an die Gärten erinnern. So hieß zum Beispiel die Oranienstraße bis 1894 Orangenstraße. 

Erst als Napoleon Berlin besetzt hielt, streiften die Hugenotten ihre französische Identität ab. So wurde aus Henri Lejueune Heinrich Junge, aus François Chanille Franz Schnalle und aus Charles Leclerc Karl Klericke. Namen, die man immer noch in der Stadt lesen kann. Seitdem sich Napoleon in Berlin aufhielt, wurde auch kein französisch mehr gesprochen!

Noch mehr Einwanderer strömen in die Stadt

Es blieb aber nicht bei den Franzosen, die Böhmen tauchten ebenfalls als Flüchtende vor den Toren der Stadt Berlins auf. Nur wollte die keiner haben, da sie Hungerleider waren, die nur bettelten. Doch auch unter den Böhmen waren Handwerker, vor allem in der Textilverarbeitung. Der König hatte ein Einsehen und gab den frommen Menschen ein Stück Land und etwas Geld, damit sie ein Schul- und Predigerhaus bauen können. Die Berliner blieben dabei, auch diese Flüchtenden zu beschimpfen “Hundsfötische Kollonisten”, eine der liebevollen Bezeichnungen. Die Böhmer haben sich lange Zeit nicht in dem Leben der Berliner integriert. Sie sprachen lange ihre eigene Sprache und heirateten auch nur untereinander.

1725 war jeder sechste Einwohner Berlins Soldat. Preußen hatte das viert größte Heer in Europa. Die Soldaten wurden in den Privathäusern der Bürger untergebracht und es gab nur wenige Ausnahmen. Erst später wurden Kasernen gebaut und die Bewohner atmeten vermutlich auf, die Soldaten nicht mehr durchfüttern zu müssen. Aber den Soldaten erging es trotzdem nicht gut. Sie wurden misshandelt und mussten unendlich viel exerzieren. Viele desertierten. Ein Grund mehr, dass eine Stadtmauer errichtet wurde, um die Männer in der Stadt zu halten. Die Namen einiger U-Bahnhöfe erinnern noch an die Stadttore. Aber dazu demnächst mehr.

Der Kreuzberg

Ist tatsächlich sagenhafte 66,11 Meter hoch! Er ist eine natürliche Erhebung und gehörte zu den Tempelhofer Bergen. Im Jahr 1290 befand sich eine Lehmkute, eine Ziegelei am Fuße des Hügels. Betrieben wurde die Ziegelei von Tempelrittern, die sie Franziskaner Mönchen als Geschenk übergaben. Auf dem Hügel wurde viele Jahre später, über 200 Jahre lang, Wein gezogen (1533). Zwischendurch gab es den Versuch dort Maulbeerbäume wegen der Seidenraupenzucht zu ziehen. Der kalte Winter 1739/40 machte auch dem Wein den Garaus.

Von der Höhe des Berges wurde die Stadt Berlin beschossen. Ein Kurfürst rettete sich auf den Hügel, weil ihm ein Unwetter mit einer Sintflut vorhergesagt wurde. Friedrich Wilhelm der III. ließ “Lärmkanonenschanzen” als eine Befestigungsanlage auf dem Kreuzberg errichten, um Berlin von Napoleon zu befreien. 1817/18 erhielt Karl Friedrich Schinkel den Auftrag ein Monument auf dem Kreuzberg zu errichten. Zur Erinnerung an  die gewonnen Siege über Napoleon. Ursprünglich wollte Schinkel einen ganzen Dom auf dem Berg errichten, aber das Geld war mal wieder zu knapp, weshalb es nur zu einer Domspitze reichte. Trotzdem zog das Denkmal täglich viele Menschen an.

Das war der Anfang meiner 12tel Blick Serie aus Kreuzberg. Mein Blick geht von der Kreuzbergstraße nach oben zum Denkmal. Und der zweite Blick schweift vom Denkmal über den Stadtteil Kreuzberg bis nach Mitte. Bei gutem Wetter vielleicht noch etwas weiter.
Noch mehr tolle 12tel Blicke findest du bei Eva von Verfuchst und Zugenäht

Vieles was du hier zu lesen bekommen hast, stammt aus dem Buch kleine Kreuzberggeschichte von Martin Düspohl. Herausgegeben vom Berlin Story Verlag.

3+

Charlottenburg im Dezember 2019

Der 12tel Blick im Dezember

Ich kann es immer gar nicht fassen, wie schnell die Monate an mir vorbei streichen. Jetzt ist schon wieder Ende Dezember und ich bin ´noch den 12tel Blick vom November schuldig. Lässt sich aber ziemlich schnell nachholen. Der November war am Ende recht diesig und ungemütlich. Aber der Weihnachtsmarkt vor dem Schloß war schon aufgebaut.

Schlossstrasse in Charlottenburg

Am anderen Ende der Schlossstraße geht es nach links in den Otto-Grüneberg-Weg. Dort hinter einer Schule steht eine alte Villa. Die Villa der Oppenheims. Die steht dort seit 1881 und trug mal den schönen Namen Villa “Sorgenfrei”. Damals lies Otto Georg Oppenheim das schmucke Haus als Sommersitz errichten. Bevor die Villa dort errichtet wurde, stand dort schon einmal ein eindrucksvolles Haus, das den Mendelsons gehört hatte. Gleich neben der Villa kann man in dem Schustehruspark spazieren gehen. Der Park ist ein Teil der Gartenanlage der Oppenheimers. Allerdings möchte ich nicht mit dir durch den Park, sondern dir von dem Haus und seinen Bewohnern erzählen. Otto Oppenheim hatte ein ziemlich großes Herz und wies an, dass jedem Bettler der an seine Tür klopft, eine Mark zu schenken. Das führte dazu, dass die Schlange vor seinem Haus so lang wurde, dass der Verkehr auf der Straße zum erliegen kam. Die Polizei bat den Freizügigen darum, andere Wege zu finden, die Armen zu unterstützen.

Inzwischen ist aus der Villa ein Museum geworden und wer mag, bekommt dort auch in dem Hausinternen Café einen leckeren frischen Kuchen nebst Kaffee. In den Räumen der Villa kann man sich schöne Kunstwerke anschauen. Wenn man vor dem Haus steht, dann kann man fast ahnen, wie es dort in Charlottenburg zur Jahrhundertwende ausgesehen haben mag. Doch hat das Haus nicht nur Schönes gesehen. Zwischenzeitlich war es sogar ein Seuchenlazaret, davor war die Villa mit der neben an entstandenen Schule verbunden. 1945 verlor das Haus sein Dach bei einem Luftangriff, Jahrelang blieb ein Flachdach der Abschluss des Hauses. 2012, nachdem es umfassend saniert wurde, wurde es zum Museum. Eines kann ich bestimmt sagen, der Kaffee ist wirklich gut!

Der Dezember Blick hinter das Schloss

Das ist nun der letzte Blick in diesem Jahr auf den “Hinterhof” des Charlottenburger Schloss. Ich fand es eine tolle Serie und habe mir auch schon Gedanken um ein Nachfolge-Objekt gemacht. Ich werde dir jeden Monat etwas aus dem Kreuzberger Kiez erzählen. Ein passendes Objekt habe ich mir auch schon ausgesucht.

Die Spree werde ich allerdings vermissen. Schade finde ich, dass mir 3 Monate der Blick verbaut war, weil die Brücke saniert wurde. Auch fehlte der Blick auf einen der Dampfer, die mehrmals am Tag unter der Brücke durchfahren.

Ich freue mich schon auf ein neues Jahr mit Dir, Eva von Verfuchst und zugenäht  und den Blick auf meine Stadt. 12 mal den Blick schärfen, finde ich eine gelungene Aktion.

Morgen haben wir die erste leere Seite eines 365 Seiten leeren Buches – machen wir ein gutes Buch daraus.

Brad Paisley, Country-Sänger

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