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Krankenhäuser in Kreuzberg {Oktober 20 12tel Blick}

In fast jedem Bezirk Berlins gibt es Krankenhäuser. Das liegt vielleicht daran, dass jeder Bezirk für sich eine kleine Stadt war, bevor sie eingemeindet wurde. Berlin wuchs einfach immer mehr in die Weite. So steht in Kreuzberg natürlich auch mehr als ein Krankenhaus.
Das wohl älteste Krankenhaus in Berlin ist die Charité. (Was übersetzt soviel heißt wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Karitas). Sie wird 1709 von König Friedrich dem I. als Lazareth-Häuser außerhalb der Stadt gegründet, weil er befürchtete, dass die Große Pest aus Osteuropa auch Berlin erwischen könnte. Doch am Ende streift die Pest nur die Uckermark und verschonte Berlin. Die errichteten Lazarethhäuser standen somit  als Armen- und Arbeitshaus (Spinnhaus) für Arme, Bettler, unehelich Schwangere und Prostituierte, sowie als Garnisonslazarett zur Verfügung.

Zurück nach Kreuzberg

In Kreuzberg entstand Mitte des 19. Jahrhunderts das Bethanien, weil die Charité längst nicht mehr mit den vielen Kranken der Stadt zurecht kam. Es war ein von Diakonissen geführtes Krankenhaus. Das Bethanien lag etwas außerhalb der Luisenstadt.  Zusätzlich mit der Errichtung des Krankenhauses entstand eine Schule, ein Waisenhaus und ein Ort für weibliche, ehemalige Gefangene. Dem König Friedrich Wilhelm IV gefiel der Gedanke, dass es ein malerisches Gebilde, eingebettet in Grün, Inseln der Verheißung, sein könnte.

Im Bethanien wurden Krankenpflegerinnen ausgebildet, die in der angeschlossenen Krankenanstalt das Erlernte gleich mal ausprobieren konnten. 1847 wurde das Haus eröffnet und war damals eines der modernsten Krankenhäuser in Europa. Das Hauptaugenmerk lag auf Hygiene und (wie sollte es anders sein) Versorgungsleistung! Bei seiner Eröffnung stand das Bethanien inmitten von Roggenfeldern und Gärten.

In den Revolutionsjahren 1848/49 überlegten die Revolutionäre noch, ob sie das Bethanien stürmen. Dem Krankenhaus wurde nachgesagt, dass die Versorgung dort weniger auf ärztliche Tätigkeiten, als auf das Seelenheil der Patienten ausgerichtet war. Zu ihrem Unglück wurde auf die Demonstranten geschossen und so landeten sie direkt im Bethanien. Die Schwestern legten den Verletzten Reue nahe, statt sie zu versorgen. Kein Wunder, dass so viele Menschen in dieser Zeit starben.
Zur selben Zeit war im Bethanien Theodor Fontane Apotheker. Er konnte dem Geschehen, sozusagen auf der Wiese vor dem Krankenhaus, zuschauen.

Alles verändert sich

Im Laufe der Jahre wuchs das Krankenhaus. Es kam ein Leichenhaus, ein Wirtschaftshof, ein Feierabendhaus (Altenheim für die Diakonissen) und ein Schwesternwohnheim hinzu. Obwohl es für die Pflegenden etwas besser wurde, kam es (schon damals!) zu einem Personalmangel und Überlastung. Währenddessen wuchsen die Mietskasernen rund um das Bethanien. Der Polizeipräsident konnte nach Schinkels Tod darüber entscheiden, was städtebaulich geschehen durfte. So ordnete der Polizeipräsident den Bau der Mietskasernenstädte an. Es entstanden fünfgeschossiger Gebäude mit Seitenflügeln und Quergebäuden. Viele Räume, für viel zu viele Menschen.

1869 kam es zu einer Katastrophe. Durch schlecht gesäuberte Instrumente, starben 900 Menschen nach operativen Eingriffen. Wundbrand war damals tödlich. Ignaz Semmelweis hatte sich noch nicht durchgesetzt. Und dann wurden in den nächsten beiden Jahre auch noch die Diakonissen als Lazarettschwestern in den Deutsch-Französischen Krieg abgezogen. Auch der erste Weltkrieg forderte die Schwestern an die Front. Jahre später verweigerten sich die Diakonissen den Nationalsozialisten. Was die Gestapo allerdings nicht davon abhielt, einige Bauten zu beschlagnahmen und das Personal,  (schon wieder einmal) an die Front zu schicken.

Nachdem die Berliner-Mauer (1961) errichtet war, liefen dem Krankenhaus die Patienten weg. 1966 war die Klinik zahlungsunfähig. Man dachte über Abriss nach. Doch das Bethanien blieb und wurde unter Denkmalschutz gestellt. 1971 besetzten Jugendliche einen Teil des Bethanien und nannte ihren Besitz in Georg-von-Rauch-Haus um. Heute wird die Anlage von Sozialen-, Künstlerischen Institutionen, Musikschule und Gastronomie (Tolle Bilder aus dem ehemaligen Speisesaal) genutzt.

Das Krankenhaus am Urban

1862 stiftete die Ottilie, Tochter des Opernsängers und Hofschauspielers Friedrich Jonas Beschort, 400.000 Mark, um ein Krankenhaus mitten in Kreuzberg zu bauen. Einzige Bedingung sollte sein, dass dort keine Menschen mit Syphilis behandelt werden dürfen. Ihr Geld war gut angelegt, denn als sie 1881 starb, konnten für den Bau 600.000 Mark (ein fünftel der Baukosten) ausgegeben werden.

Es war längst fällig, noch ein großes Krankenhaus zu bauen. 1887 war es dann auch soweit, es wurde mit dem Bau des III. Berliner Krankenhauses begonnen. Das Urban wurde nach Plänen des Architekten Hermann Blankenstein in offener Pavillonbauweise errichtet. Dieser Architekt war auch für viele Backsteinbauten in Berlin verantwortlich.
Am 10.6.1890 ist es dann soweit. Die erste Patientin, ein lungenleidendes Dienstmädchen, wurde aufgenommen. Als Personal standen 18 Viktoria-Schwestern, die aus dem Krankenhaus am Friedrichshain abgezogen wurden, zur Verfügung. Der Internist Albert Fraenkel und der Chirurg Werner Körte (der im Bethanien, s.o. ausgebildet wurde) werden als Ärztliche Direktoren angestellt. 600 Betten stehen der Bevölkerung zur Verfügung.

Jahrhundertwende

Drei Jahre nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen, wurden sie auch im Urban angewendet. 1905 wurde das chemische Labor von Peter Rona und Leonor Michaelis gegründet. Das Urban scheint recht fortschrittlich, denn sie bilden auch Frauen zu Ärztinnen aus und versuchen diese dann auch einzustellen. 1908 übernimmt Alfred Döblin eine Stelle als Assistenzarzt. Doch 1911 muss er diese wieder aufgeben, weil die Ärzte, die im Krankenhaus wohnen, unverheiratet bleiben mussten (?) Während des ersten Weltkrieges melden sich viele Assistenzärzte freiwillig und Hausärzte müssen den Dienst in der Klinik übernehmen.

Das Urban hat sogar ab 1924 eine eigene Krankenpflegeschule. Immerhin forderte Rudolf Virchow schon seit 1869 eine berufsmäßige Ausbildung an jedem großen Krankenhaus. Gertrud Rüden ist die erste Leiterin.
Als die Nazis dann an die Macht kamen, wurden viele Ärzte und Pflegekräfte aus dem Haus geprügelt, bzw. abgeholt. 1933 übernimmt eine Ärztin eine Chefärztliche Leitung.
Eine dunkle Geschichte beginnt. In den OP-Sälen, werden Zwangssterilisationen und Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen, damit kein erbkranker Nachwuchs geboren wird! Im Innenhof des Krankenhausensembles wird ein Operationsbunker eingerichtet. Es wird gemunkelt, dass dort seltsame Experimente stattfanden. Die fallenden Bomben verschonen auch das Urban nicht. 30% werden durch Kriegshandlungen zerstört.

Nach dem zweiten Weltkrieg

Doch Krankenhäuser werden gebraucht. Also wird wieder aufgebaut und gepflegt. Die neue Rettungsstelle und ein Badehaus werden eingeweiht Ferdinand Sauerbruch wird eingeliefert und stirbt mit Demenz im Urban. Irgendwann, Ende der 1950er Jahre, stellt man fest, dass Haus ist nicht mehr ausreichend. Es muss etwas Neues her. Ein Neubau wird ersonnen und 1970 fertig gestellt. Mit 830 Betten ist das Urban-Krankenhaus eines der größten Häuser im Berliner Westen.

Inzwischen hat man den Altbau still gelegt und das Denkmalgeschütze Ensemble als Eigentumswohnungen verkauft. Ich kenne das Krankenhaus seitdem ich auf der Welt bin und es hat sich eine Menge verändert. Aber die Menschen, die dort ein- und ausgehen sind fast die selben geblieben. Kreuzberg verbindet bis heute, Kulturen und Klassenunterschiede. Arm und Reich machen in diesem Haus keinen Unterschied.

Das war mein 12tel Blick im Oktober, den ich gerne bei Eva verlinke. Wenn du mehr über diesen Blick lesen möchtest, dann schau hier.

2+

Markthallen in Kreuzberg {12tel Blick September}

Markthallen in Kreuzberg, wie es war und wie es heute ist

Einkaufen muss man immer. Markthallen gibt es in ganz Europa. Berlin war eine der letzten Metropolen, die keine hatte. Damals wie heute, braucht eine große Bevölkerung Nahrungsmittel und andere Dinge zum täglichen Leben. Es gab bis 1867 zwanzig freie Märkte, die unter freiem Himmel unter nicht immer hygienischen Zuständen stattfanden, um zirka 1,15 Millionen Menschen zu versorgen. Höker die von Haus zu Haus gingen verkauften ihre Waren direkt an der Tür. Außerdem einige etablierte Läden.

Die Bevölkerung in Berlin bekam durch Missernten immer weniger, dafür teure Nahrung zu kaufen. Die Händler ließen sich schlecht kontrollieren. Am 21. April 1847 kam es  zu der Kartoffelrevoulution. Am Belle-Alliance-Platz (Mehringplatz),  an einem Kartoffelstand, reizte eine Bäuerin mit „derben Antworten“ eine Menschenmenge so weit, dass mehrere Frauen sich gewaltsam auf sie stürzten und ihr die Kartoffeln raubten. Auch Bäckerläden und Schlachtereien fielen dem Pöbel zum Opfer. Einem Bäcker wurde vorgeworfen, er verkaufe zu kleines Brot und hätte noch gar kein Brot heraus gegeben. Woraufhin der Laden gestürmt, Waren im Wert von 50 Silbertalern  und sein Verkaufsschild entwendet wurden.

Die Polizei war machtlos und konnte nur Zuschauen, wie die Menschen sich Wurst, Brot und Mobiliar unter die Nägel rissen. Scheiben wurden eingeschmissen. Sogar die Fenster vom Kronprinzenpalais, der Bethlehemskirche und des Café Kranzler kamen zu Schaden. Man ging davon aus,  dass insgesamt fünf- bis zehntausend Personen sich an der Kartoffelrevolution beteiligten. Die Missstände hielten allerdings noch einige Zeit an.

Es musste sich etwas ändern

Erst 1881 beschloss der Magistrat von Berlin, gemeinsam mit dem Arzt Rudolf Virchow, dem ein Ende zu setzen und die Verkäufer zu mehr Ordnung zu zwingen. Der Magistrat war damals das oberste exekutive Organ in der Stadt Berlin. Man beschloss, überdachte Hallen zu bauen und verpflichtete eine “Polizei” darauf zu achten, dass die Marktvorschriften eingehalten wurden. Die Bevölkerung konnte nun witterungsunabhängig einkaufen gehen. Noch dazu bekam man an den Ständen Fleisch, Wild und Geflügel und Fisch angeboten. Obst und Gemüse, Butter, aber auch Kolonialwaren, Gewürze und vieles andere konnte man einkaufen.

Blankenstein Hermann Wilhelm Albrecht (1829-1910), Markthalle IV, Berlin: Innenansicht. Foto auf Papier, 31,00 x 40,00 cm (inkl. Scanrand). Architekturmuseum der Technischen Universität Berlin Inv. Nr. F 8255.

14 Hallen wurden ab 1886 nach dem selben Prinzip geplant und gebaut. Eine der ersten Markthallen entstand in der Mitte der Stadt. Die Größte hatte sogar einen eigenen Eisenbahnzugang, sowie Kühlkammern im Keller. In Kreuzberg bzw. Friedrichstadt entstand die nächste Markthalle. Diese Halle existiert heute in einer modernisierten Form, da sie während dem zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche zerfiel. Heute befindet sich dort der Blumengroßmarkt, bzw. die Hallen wurden an das Jüdische Museum weiter gegeben.

Der städtische Baurat Hermann Blankenstein war dafür verantwortlich, dass alle Hallen nach einem Schema entstanden. Die Dächer wurden von gußeisernen Stützen und Stahlbindern getragen und die Fassaden waren verklinkert und mit Terrakotta-Schmuck verziert. In der Ackerstraße in Berlin Mitte steht eine der wenigen noch erhaltenen Hallen, Markthalle IV bzw. die Ackerhalle.
Auch einige andere Bezirke bekamen eine Markthalle. Eine meiner Lieblingshallen ist die in Moabit, die Arminiushalle. Sie war die Zehnte, die 1891 fertig gestellt wurde. Noch heute kann man dort Lebensmittel und andere Dinge zum Leben kaufen. Ganz nebenbei, gibt es verschiedene Gastronomen und an manchen Abenden Livemusik.

Moderne Markthallen

Am 15. März 1892 wurde die Markthalle in der Zossener Straße, in Kreuzberg fertig. Sie war die Elfte Halle in der Stadt. 290 Marktstände boten ihre Waren feil. Im ersten Weltkrieg gab es dort eine Suppenküche für 15.000 Berliner, die sich hier täglich die leeren Mägen füllen konnten. Der Zweite Weltkrieg lies von der Halle nur den westlichen Kopfbau und den Keller übrig. Aber das hielt die Berliner Händler nicht davon ab, ihre Waren zu verkaufen. Irgendwoher musste man ja seine Nahrung bekommen. Schon nach Kriegsende fand ein Verkauf im Keller statt.

Die Halle wurde vom Architekt ist Paul Friedrich Nieß wieder aufgebaut, nicht mehr so schick, aber effizient. Nicht weit von der Marheineke Halle bin ich auf die Welt gekommen. Meine Mutter ist auch sehr oft dort einkaufen gegangen. Meine Erinnerung daran ist, dass es immer etwas dunkel war, die Gänge recht eng. Es gab dort alles, was man brauchte. Ein Kurzwarenstand, mehrere Metzger, Zeitungen, Bücher, Kleidung, Käsehändler. Am Eingang standen zwei Schaukeltiere auf denen man für 10 Pfennige 3 Minuten hin und her geschaukelt wurde. Und daneben das Highlight: einen Softeis-Verkäufer.

Inzwischen wurde die Marheineke Halle ein weiteres mal umgebaut. Ich finde sie hat ihren Charm verloren und wirkt kalt. Allerdings siedeln sich immer mehr interessante Gastronomen hier an. Die Bevölkerung und der Tourismus nehmen die Markthalle sehr gut an, da sie sozusagen am Ende des BergmannKiez steht. Die Gastronomie dort ist aber auch wirklich zu empfehlen.

Auch die Markthalle Neun, hat sich zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Allerdings war das nicht immer so. Erst als sich 2001 die Anwohnergruppe Lausitzer Platz für die Halle zu engagieren begann, wurde es ein toller Treffpunkt für Menschen, die gerne gut, exotisch, interessant außergewöhnlich essen wollen. Durch zahlreiche Veranstaltungen und Medienpräsenz werden immer mehr Menschen in die Markthalle gelockt. Sie ist fast noch komplett erhalten und abgesehen von den Events, einen Blick wert.

Die Markthallen haben ihren besonderen Status längst verloren. Supermärkte und Fachgeschäfte haben den Marktbuden den Rang abgelaufen. In der großen Stadt Berlin gibt es nur noch wenige gute und üppige Wochenmärkte. Doch lohnt es sich immer wieder einmal, einen Blick zu riskieren, denn dort scheint alles frischer, regionaler zu sein.

Der 12tel Blick auf und vom Kreuzberg

Der Herbst ist noch kaum zu spüren. Die paar kalten, regnerischen Tage haben die Pflanzenwelt eher dazu angestachelt, noch einmal alles zu geben. Die Bäume tragen fast keine bunten Blätter. Was ist das bloß für ein Jahr? Auch an dem Tag, als ich die Bilder machte, trugen die Menschen noch kurze Ärmel und liefen ohne Jacken herum. Ich bin auf den Oktober gespannt. Vielleicht wird es etwas bunter. Meinen 12tel Blick verlinke ich wieder bei Eva und ihrem Blog Verfuchst und Zugenäht

2+

Sportlich in Kreuzberg {12tel Blick August 2020}

Sportlich in Kreuzberg

Warum sportliches Kreuzberg? Wenn so viele Menschen in einer Stadt zusammen leben, dann brauchen sie auch etwas Abwechslung. Besonders junge Menschen müssen ihre überschüssige Energie irgendwo ablassen. Es ist der Sport, der allen eine Erholung bietet. Denjenigen die unsportlich auf den Rängen sitzen, genauso wie denen, die sich auf dem Spielfeld austoben. Sportlich ist man dann auf jeden Fall.

Wir schreiben das Jahr 1811. Zu diesem Zeitpunkt hatte der nationalistische Friedrich Ludwig Jahn, kurz Turnvater Jahn genannt, in der Hasenheide in Neukölln, an der Grenze zu  Kreuzberg, einen Sportplatz gegründet. Sein Anliegen war, dort die jungen Deutschen wehrhafter gegen Napoleon zu machen. Was man noch über den Sportbegeisterten und Pädagogen wissen muss, kann man bei Wikipedia nachlesen. Sein Wahlspruch war immer Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei. Auch wenn es für Herrn Jahn politisch zuging, die Jugend profitierte von seinem Tun. Die Schulen förderten das Turnen bzw. Leibesübungen erst in Hallen und später auch draußen auf dem Feld.

Aber manchen sportlichen jungen Männern ist das nicht genug. Sie wollen sich richtig austoben. Einem Ball hinterher jagen. Fussball und andere englische Spiele (Cricket, Rugby) sind 1891 mächtig gefragt. Das Spielen mit dem Ball steht teilweise sogar unter Strafe, weil Lehrer und Eltern diesem Sport sehr misstrauisch gegenüber stehen.
Der älteste deutsche Fußball-Club ist der BFC Germania 1888, den der 17 jährige Schüler Paul Jestram zusammen mit seinen Brüdern und Schulfreunden, in der elterlichen Wohnung in der Kreuzbergstraße gründete.
Nicht desto Trotz, wird am 11. September 1897 im „Dustren Keller“ in der Bergmannstraße, der Vereinskneipe des BFC Preussen, der Verband Deutscher Ballspielvereine gegründet. Sechs Berliner Fußballvereine schlossen sich dabei zusammen. Nach mehrmaliger Umbenennung existiert der Berliner Fußball Verband bis heute. Den Spielern war es damals sehr wichtig, dass man kameradschaftlich, respektvoll und freundlich miteinander umging.

Sportbehörde und Georg Demmler

1898 wurde in der Friedrichstraße die Deutschen Sportbehörde für Athletik gegründet. Anfangs stand sie nur für Turnen und eben Athletik, nahm dann aber auch die Fußballer bis 1934 unter ihre Fittiche. Georg Demmler war einer der Begründer des Verband deutsche Ballspielvereine. Neben seinen Erfolge als Sportler entwarf er auch das Katzbachstadion und die Kreuzbergterrassen in denen heute einer der beliebtesten Biergärten Kreuzbergs untergebracht ist, dem Golgatha.
Die Regeln werden vereinheitlicht und die Spiele regelmäßiger angesetzt. Die Menschen lieben den Fußball. In dem Katzbachstadion können 12.000 Menschen dem Ballspiel zuschauen. Bis zur Gründung der Bundesliga, sind es die Spiele in den unteren Ligen, die die Besucher anziehen. Im Laufe der Jahre finden in dem Katzbach-Stadion verschiedene Vereine ein Zuhause. Seit Ende der 1980 Jahre, ist das Stadion mit Unterbrechungen,  die Heimspielstätte von Türkiyemspor.

Sportlich, aber nur für Männer?

Die Frauen damals, waren laut Rudolf Virchow „Weiblichkeit ist abhängig von den Funktionen des Eierstocks[..]. Das Weib ist eben nur Weib durch seine Generationsdrüse[…]“… Was soll man dazu noch sagen? Obwohl Herr Virchow es trotzdem befürwortete, dass Frauen als Ausgleich zu ihrer schweren körperlichen Arbeit körperliche Ertüchtigung machen sollten. Alleine schon durch die Kleidung und den Sittenvorstellungen der Zeit, waren die Damen in Sachen Sportlichkeit eingeschränkt.
Durch die Industrialisierung kamen aber auch die Frauen zum Zug. Der menschliche Ehrgeiz in aller Welt, zu den Besten und Fortschrittlichsten zu gehören, machte auch vor der Entwicklung der Körperertüchtigungsformen keinen Halt. Es gab bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts  zu wenige Frauen, die sich mit der menschlichen Anatomie auskannten, zu wenige Sportlehrerinnen und Ärztinnen. Der Mann bestimmte, was den Frauen gut tat. Gesittet wurden Keulen geschwungen oder ein Bällchen hin und her geworfen. Sie durften zur Belustigung der Herrschaften Sport treiben.

Erst der Arbeiter-Turner-Bund schrieb sich die Gleichberechtigung auf die Fahne. Die Damen wurden immerhin zu den Mitgliedern gezählt. Allerdings waren ihre Aktivitäten immer noch stark eingeschränkt. Erst 1925 wurden die haarsträubenden Erklärungen (Die Organe könnten bei Grätschen oder Springen verrutschen und eine Gebärfähigkeit in Frage stellen!), wieso Frauen keinen Sport treiben sollten, von Ärztinnen widerlegt.  Trotz aller Vorbehalte engagierten sich in den 1920er-Jahren mehr und mehr Mädchen und Frauen im Sport, in traditionellen Sportarten wie Schwimmen, Tennis  oder Leichtathletik, aber auch in für Frauen neu erfundenen Sportarten.  Handball etwa diente als Ersatz für Fußball, ein Spiel, das in Deutschland für Frauen absolut tabu war…”

In der NS-Zeit wurden die errungenen Fortschritte wieder zurückgeschraubt. Sportlerinnen wie Lilli Henoch wurden wegen ihres Glaubens deportiert. Tatsächlich habe ich nichts über den weiblichen Sport in Kreuzberg gefunden. Noch heute haben Frauen Schwierigkeiten, sich in den männerdominierten Sportarten einen Namen zu machen. Und doch findet man in Kreuzberg Boxsport und Fußball für Mädchen. Immer noch lassen sich Mädchen durch Jungen den Sportunterricht vermiesen. Einen interessanten Artikel dazu findest du hier.

Mein 12tel Blick

Noch ein paar Worte zu meinem Blick, den ich wieder bei Eva verlinke. Ich habe einen kleinen Spaziergang durch den Park gemacht und wieder einmal gestaunt, wie hübsch der eigentlich ist. Ich fand es nur sehr schade, dass einige Bürger das wahrscheinlich gar nicht zu würdigen wissen, welche Schönheit vor ihrer Tür liegt. Nach den vergangenen Partys werden die Flaschen vergessen oder zertrümmert, Müll wird einfach in die Büsche geworfen und manches sogar demoliert. Dazwischen sitzen Menschen am Wasserfall auf den Steinen und genießen die Illusion, in den Bergen zu sein. Sogar den Rettungsring hat man mal wieder gestohlen…

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Gute Nacht Kreuzberg {12tel Blick Juli}

Gute Nacht Kreuzberg

Heute möchte ich dir aus dem Nachtleben in Kreuzberg erzählen.
In Kreuzberg gab es immer schon Gartenlokale und Unterhaltungsparks. Davon hatte ich dir schon in meinem 12tel Blick erzählt. Die Menschen suchten nach Zerstreuung und was bot sich da mehr an, als sich in einem Gartenlokal oder einem Vergnügungspark, sich ein süffiges Berliner Bier zu gönnen oder das Tanzbein zu schwingen. Während man unter den Linden und am Kurfürstendamm eher schick unterwegs war und immer noch ist, konnte und kann man sich in Kreuzberg völlig gehen lassen. An jeder Ecke findet man eine Kneipe, in der die Arbeiter ein oder mehrere Feierabendbiere trinken. Die Eckkneipen waren einerseits Wartesaal, andererseits Wohnzimmer. Es gab am Bergmannkiez eine Brauerei, in der Tanzveranstaltungen und Boxkämpfe stattfanden. Ein interessantes Buch dazu ist Deutscher Meister von Stephanie Bart. Heute findet man in Kreuzberg unglaublich viele Cafés, Restaurants, Cocktailbars und natürlich Clubs (früher Disco 😉). In jedem Stadtführer über Berlin wird behauptet, hier kann man feiern, bis der Arzt kommt…

Kreuzberg im Juli

Heinrich Zille malte gerne aus dem (Milljöh) Milieu. In den engen dunklen Straßen Kreuzbergs, fanden sich die Prostituierten ein. Mädchen die eigentlich nach Berlin kamen um dort als Kammerzofe oder Hausmädchen zu arbeiten. Junge Frauen, die das arme und langweilige Land verlassen hatten, dann aber entweder keine Anstellung fanden oder wieder auf die Straße gesetzt wurden. Bilder die Zille gerne festhielt, einerseits mit der Kamera und auch mit Bleistift auf dem Papier. Ebenfalls gestrandete Männer zogen in Banden um die Häuser, in sogenannten Ringvereinen, sorgten sie für Nachschub an Frauen zur Prostitution und dafür, dass der eine oder andere Besucher seine Brieftasche oder noch mehr verlor. Dazu vielleicht ein Interessantes Buch?

In den 1960er Jahren zogen eine Menge Westdeutscher junge Menschen nach Berlin. Die Versprechung, nicht zum Militär zu müssen und weil man so günstig leben konnte, und auch die Künstlerszene, zog das junge Volk an. 1978 haben die Gebrüder Blattschuss, die Nächte in Berlin besungen. Es galt ja in dem Berliner Westen keine Sperrstunde, weshalb man die ganze Nacht um die Häuser ziehen konnte. In dem Buch von Sven Regner “Herr Lehmann”, kann man sich sein eigenes Bild von dem Kreuzberger Partyzustand der 1980er Jahre machen. Legendär war das SO36, in dem man Punkbands zusehen konnte, wie sie die Bühne auseinander nehmen. Das So 36 ist nach der alten Postleitzahl des Bezirks Kreuzberg benannt.

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Tanzen bis der Arzt kommt

Nach dem Mauerfall breiteten sich die Tanz- und Clubszene in Kreuzberg immer mehr aus. Alte Fabriketagen, Keller oder was sich sonst noch bot, wurde zu Clubs umfunktioniert. Meistens zog man erst gegen Mitternacht los, um dann die Nacht zum Tag zu machen oder umgekehrt. Konnte man bis Anfang des Jahres noch in den verschiedenen Clubs die ganze Woche mit tanzen verbringen, so sind im Moment wegen der Pandemie sämtliche Clubs geschlossen. Dieser Umstand treibt die jugendlichen Tanzwütigen dazu, sich illegal in Parks zu treffen und eigene Partys zu veranstalten. Erst vor einiger Zeit hat die Polizei eine Party mit 3000 Teilnehmern in der Hasenheide auflösen müssen.

Und warum nun Gute Nacht Kreuzberg? Weil die Kneipen- und Clubszene an der Corona-Pandemie richtig zu knabbern hat. Die großen, meist angemieteten Hallen oder Keller sind zu teuer, um sie ununterbrochen weiter bezahlen zu können, ohne dass Gelder hineinfließen. Selbst wenn sie öffnen könnten, würden sie viel weniger Einnahmen haben, da die Besucher aus aller Welt fehlen. Die Kneipen sind auch längst nicht so voll wie sie müssten. Man versucht durch Spenden die Szene zu retten. Aber ob das einen Erfolg hat, möchte ich bezweifeln. Nach der Pandemie, wird alles anders sein …

Meinen 12tel Blick teile ich gerne wieder bei Eva auf dem Blog Verfuchst und zugenäht.

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Frauen in Kreuzberg {12tel Blick Juni}

Frauen in Kreuzberg

Es ist wieder so weit, ich will dir etwas aus meiner Stadt erzählen. Dieses mal habe ich das Thema Frauen in Kreuzberg ausgesucht. Natürlich lebten und leben in jedem Bezirk spannende Frauen. Da es sich in meinem 12tel Blick um Kreuzberg dreht, bleiben wir bei den Frauen, die hier etwas besonderes veranstaltet haben. Nicht alles war gut. Es gab auch einige Frauen, die sich verkauft und andere denunziert, gemordet und geklaut haben. Ich habe allerdings nur eine von vielen herausgesucht:

Die Frau, die ich heute vorstellen möchte ist Lina Bauer (spätere Morgenstern). Sie wurde am 25. November 1830 in Breslau als drittes von sechs Kindern geboren. Sie stammt also aus Schlesien, (was für eine Überraschung… Ich hatte hier schon davon erzählt, wie viele Menschen in die große Stadt strömten). Als Kind einer jüdischen Fabrikantenfamilie ging sie zu einem liberalen Rabbiner in den Religionsunterricht.

Doch damit wollte sie sich nicht zufrieden geben und studierte selber Literatur und Kunstgeschichte. Außerdem erhielt sie privaten Unterricht in Sprachen, Musik und Gesang. Sie begann sich mit 18 für Politik zu interessieren und gründete mit Freundinnen den „Pfennigverein zur Unterstützung armer Schulkinder“, der Schulbücher, Kleidung  und Schulmaterial für bedürftige Kinder sammelte.

Ab nach Berlin

Die junge Lina Bauer traf den armen polnischen Juden Theodor Morgenstern und 1854 war sie zum Missfallen ihrer Eltern mit ihm verheiratet. Scheinbar hielten es die Beiden nicht in Breslau aus, weshalb sie nach Berlin gingen. Doch auch da verdiente Theodor nicht mehr Geld, doch Lina hatte eigene Ideen. 1859 bekam sie ihr erstes Kind und weil sie scheinbar damit nicht ausgelastet war, gründete sie den „Berliner Frauen-Verein zur Beförderung der Fröbel’schen Kindergärten“ und später den ersten Berliner Kindergarten nach Ideen des Reformpädagogen Friedrich Fröbel.

Ein bisschen gewagt, denn seit 1851 waren Kindergärten von der preußischen Regierung verboten. Die Theorien des Herrn Fröbel ( Selbstständigkeit fördern, spielen bildet,…) widersprachen dem Gedanken der Preußen, selbstständige und -denkende Einwohner zu verwalten.

Zwei Jahre später hob die preußische Regierung das Kindergartenverbot auf und sofort gründete Lina Morgenstern den ersten Fröbelschen Kindergarten. Genau am Fuße des Kreuzbergs. Ein Idyll mit Obst- und Laubbäumen, Kühen und Hühnern. Täglich kam ein Arzt vorbei und die betreuten 20 Kinder fanden hier viel Platz zum spielen. Die Kinder wurden nach ihrem Entwicklungsstand und ihren Fähigkeiten gefördert.

Volksspeisungen

Lina Morgenstern war damit aber immer noch nicht zufrieden. Sie gründete auch den Verein der Berliner Volksküchen. Für kleines Geld (25 Pfennige), bekam man dort eine ordentliche Portion. Schon bei der Eröffnung wurden zwischen 11 und 13 Uhr 400 Personen in den, für diese vielen Menschen zu kleinen Räumen, versorgt.

Die Speisen mussten so besonders sein, dass Lina später ein Kochbuch heraus gab. Die Volksküchen trugen sich selber, Verwaltung, Leitung und Essensausgabe oblag jungen Bürgerinnen, die sich in neuen Pflichten üben sollten. Bis zur Jahrhundertwende entstanden sieben Volksküchen in Kreuzberg und noch mehr in der ganzen Stadt. Das Konzept ging so gut auf, dass Lina bald schon den Spitznamen Suppenlina erhält.

Sie bleibt aber nicht die Suppenlina, 1868 gründet sie die Akademie zur Fortbildung junger Damen, 1873 den Berliner Hausfrauenverein. Von 1874 an gibt sie die Deutsche Hausfrauen-Zeitung heraus. Als radikal wird diese Zeitung innerhalb der bürgerlichen Frauenbewegung genannt. Sie fordert die politische Gleichberechtigung von Frauen.
Als sich 1894 der Bund deutscher Frauenvereine gründet, setzt sich Lina vergeblich für die Aufnahme der Arbeiterinnenvereine ein. Sie lässt sich damit aber nicht aus dem Konzept bringen und spricht vor 1800 Delegierten aus aller Welt auf dem auf dem ersten Internationalen Frauenkongress in Berlin.

Ihr Leben

Lina Morgenstern hat ihr ganzes Leben dem sozialen Gefüge und  Frauenrecht gewidmet, ganz nach dem jüdischen Gebot der Gerechtigkeit ( Dem Bedürftigen die Möglichkeit zu geben, sich selbständig zu ernähren: Hilfe zur Selbsthilfe. Wohltätig sein in einer Weise, dass der Spender und der Bedürftige nicht voneinander wissen. Der Wohltäter weiß, wem er gibt, aber der Arme erfährt nicht von der Identität des Spenders. Der Gebende kennt nicht die Identität des Bedürftigen, aber dieser kennt den Spender. Geben, bevor man gebeten wird. Geben, nachdem man gebeten wird. Zwar nicht ausreichend, aber mit Freundlichkeit geben.)

Am 16. Dezember 1909 verstarb sie in Berlin. Ihr Grab findet man auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee.

Wieder habe ich dir etwas über meinen Bezirk Kreuzberg erzählt. Die Bilder gehen wieder zum 12tel Blick, den Eva auf ihrem Blog Verfuchst und zugenäht sammelt.

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Hausbesetzer in Kreuzberg {12tel Blick Mai}

Letzten Monat, hatte ich in den 1980er Jahren und bei den Hausbesetzer aufgehört dir Geschichten aus Kreuzberg zu erzählen. Und genau da, mache ich jetzt weiter. Wie kam es dazu, dass die Hausbesetzer-Szene in Berlin so ein Potential hatte…

Schon 1945, kurz nach Kriegsende, war in Kreuzberg nur noch die Hälfte des bewohnbaren Raum vorhanden. Dazu kam, dass immer mehr Flüchtlinge nach Berlin strömten. Es entstanden Aufnahmelager,  oft auch in ehemaligen Zwangsarbeiterlagern oder Fabriken. In der Fichtestraße in Kreuzberg steht eine Bunkeranlage, ein ehemaliger Gasometer, der 500 Flüchtlinge aufnehmen konnte. Allerdings war dieser oft überbelegt. Der Schwarzmarkt begann zu blühen, doch nicht jeder hatte etwas zu verkaufen. Irland, Südafrika, die Schweiz, schickten Decken, Socken, Schokolade und Seife. Dinge, die gebraucht wurden.
In den 1950er Jahren nahmen die Fluchten aus den sowjetisch besetzen Gebieten zu. 1953 kamen 500.000 Flüchtlinge nach Berlin und wurden meistens als politische Flüchtlinge anerkannt, wenn sie nachweisen konnten, dass sie “wegen einer Gefahr für Leib und Leben und die persönliche Freiheit und sonstige zwingende Gründe ” die DDR verlassen hatten.

Wohnraum fehlt

Durch die Blockade 1948-49 gab es ohnehin wenig Baumaterial. Kohle und Nahrung war wichtiger und wurde durch die Luftbrücke in das eingeschlossene Westberlin eingeflogen. Erst später, durch die “Marschall-Planhilfe”, kamen amerikanische Gelder nach Berlin. Die hohe Arbeitslosigkeit konnte gesenkt werden und die Wohnungslosigkeit minimiert.  Einige entrümmerte Gelände in Kreuzberg wurden endlich bebaut. Es entstanden Pläne, eine autofreundliche Stadt zu entwickeln. Doch durch den Bau der Berliner Mauer 1962 wurden diese Pläne auf Eis gelegt. Stattdessen wurde der Wohnungsnot mit Kahlschlagsanierung entgegenwirkt. Historische Bauten sollten einfach niedergerissen werden. Die Menschen wünschten sich sonnige Balkone, Innentoiletten und Zentralheizungen.

Stadtrandgebiet Kreuzberg

Durch die Mauer wurde Kreuzberg zum Stadtrandgebiet gemacht. Die Eigentümer vieler Häuser sahen keinen Sinn darin, die gute Substanz der Häuser zu pflegen. Einige Grundstücke und Häuser standen sogar leer. Die Eigentümer spekulierten darauf, dass die Grundstücke im Wert stiegen. Wohnungsbaugesellschaften kauften diese dann auf, um Neubauten zu errichten. Viele junge Familien zogen in die neu entstehenden Neubausiedlungen (Gropiusstadt und das Märkisches Viertel), Alte Menschen blieben. Künstler, Studenten und Gastarbeiter zogen ein, weil die Mieten günstig waren, sie nur auf Zeit blieben. Es herrschte Wohnungsnot und die Eigentümer ließen hier alles verrotten.

1971 kam ein Gesetzt heraus, das verlangte, dass geplante Maßnahmen (Abriss und Neubau) mit den Mietern zu erörtern sei. Die Bewohner Kreuzbergs waren nicht von den erdachten Neubauten erfreut. Die alten gewachsenen Strukturen waren doch gut! Warum nicht erhalten? Proteste gegen den fertiggestellten Neubau am Kottbusser Tor legten die neuen Pläne erst einmal auf Eis.

In den Altbau-Wohnungen im Kreuzberger Kiez gab es meistens noch Ofenheizungen. Zugezogene Bundeswehrflüchtlinge (in Berlin musste man nicht zur Bundeswehr), Studenten, Ausländische Arbeiter (die eigentlich nur für 3 Jahre nach Deutschland kamen, Familien gründeten und dann doch blieben), alte Menschen, die ihre Wohnungen nicht verlassen wollten, bildeten wieder einmal ein buntes Bild von Kreuzberg. Die Wohnungen standen meistens offen, es wurde ein neues Lebensgefühl ausprobiert. Aus Sperrmüll wurden Einrichtungen für die meist abrissbereiten Häuser gebastelt und die Bewohner übten sich in freier Liebe, Kunst und Drogen.

Das erste besetzte Haus,

war das alte Diakonissen-Krankenhaus Bethanien. Nachdem eine Stadtteilgruppe gegen den Abriss des alten Krankenhauses agitiert hatte, besetzten einige junge Leute aus einem selbstverwalteten Jugendzentrum gegenüber dem Bethanien dort am 3. Juli 1971 einige Räume eines Fabrikgebäudes. Die Polizei war vor Ort und hatte eine Auseinandersetzung mit den Jugendlichen, die am Ende die Oberhand behielten. Der Rundfunk und die Presse waren vor Ort. Ton Steine Scherben, hatten dazu ein Song aufgenommen.

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Aus dieser Stimmung heraus, entstand der Plan einen Teil des Krankenhauses als Wohnraum und Jugendzentrum zu besetzen. Am 8. Dezember 1971 hatten die Scherben einen Auftritt in der alten TU-Mensa. Nach deren Auftritt, zogen Hunderte nach Kreuzberg, um das alte Krankenhaus in ihren Besitz nahmen. Die Polizei hatte zu der Zeit noch andere Sorgen, als sich auf die Hausbesetzer einzulassen. Georg Rauch, ein linker Aktivist wurde erst kurz vorher durch einen Polizisten erschossen. Die Jugendlichen nannten “ihr Haus” nach dem Erschossenen Rauch-Haus. 

Die Scherben waren immer wieder dabei, als die Jugendlichen gegen die Fahrpreiserhöhung der Öffis demonstrierten, bei politischen Kampagnen und Protesten. Am 1. Mai 1972 fand dann auch das erste Fest auf dem Mariannenplatz statt. (Das seitdem jedes Jahr stattfand. Nur in diesem Jahr, aufgrund des Corona ausfallen musste.)

Nach der Besetzung des Bethanien, nahmen sich viele Städte (400) in Westdeutschland ein Beispiel. Und in Berlin wurden immer mehr Gebäude als Jugendzentren in Beschlag genommen. Immer wieder dabei Ton, Steine, Scherben.

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Die Berliner wachen langsam auf

Die Berliner bekommen immer öfter mit, was in ihrer Stadt städtebaulich los ist. Sie fingen an zu protestieren und sich zu organisieren. Aufgrund des Denkmalschutzjahr 1975, bemerkte auch der Senat, dass sie auf dem falschen Weg waren. Einiges ließ sich nicht mehr aufhalten, anderes wurde überdacht. Die Altbauten wurde entkernt und modernisiert. Damit stiegen natürlich auch die Mieten und wurden für die ausländische Bevölkerung und die Künstler nicht mehr bezahlbar. Sie wurden immer mehr in die unsanierten Häuser ins SO 36 verdrängt. Und dabei ging  die Kreuzberger Mischung immer mehr verloren!

Im SO 36 entstand eine Subkultur, die neue Lebensformen erprobte. Wohngemeinschaften, politische Initiativen, Kollektivbetriebe, Frauengruppen, Kinderläden,… Alles Gruppen, die an die Gemeinschaft der Bewohner gekoppelt sind und für das Gemeinwohl stehen. Einige Häuser, die besetzt wurden, werden von der Polizei unter großem Protest “geräumt” und sofort abgerissen. 1978 eröffnet der erste Mieterladen in der Dresdener Straße 12, ein Sprachrohr der Mieter/innen in den Sanierungsgebieten. Sie demonstrieren gegen den Verfall und fordern die Erhaltung! Der krasse Leerstand, stand im Widerspruch zu den Wohnungssuchenden und wurde der Auslöser der Hausbesetzerszene.

Die Schlachten beginnen

Am 3. Februar 1979 gegangen die Bewohner erstmal mit lautstarken Protesten, gegen Abriss und Wohnungsnot. Sie organisierten in leerstehenden Wohnungen “Instandbesetzungen” Die BEWOGE, als Besitzerin, bot den Hausbesetzern tatsächlich reguläre Mietverträge an. Es wurde ein Besetzerrat K36 erstellt. Ein Zusammenschluss von  mehreren Instandbesetzern, die sich bis  März 1980 angesammelt hatten. Sie standen vor einer Verhandlungslösung (legale Mietverträge, oder Kauf) für 14 besetzte Häuser. Aber am 12. Dezember 1980 wurde ein besetztes Haus am Fraenkelufer geräumt, das veränderte alles. Es kam zu schweren Straßenschlachten zwischen den Instandbesetzern und der Polizei. Rund um das Kottbusser Tor flogen Steine, es kam zu Plünderungen und Festnahmen. Die Besetzerszene brach die Verhandlungen ab, solange die Festgenommenen nicht wieder freigelassen würden.

Die Alternative Szene entwickelt sich

Im Frühjahr 1981 bekommen die Hausbesetzer Aufschwung. Immer mehr Häuser werden Instandbesetzt. Durch den Garski-Bauskandal verliert der Senat immer mehr Bodenhaftung in der Stadt und die Alternativen träumen immer mehr von einer Freien Republik Kreuzberg. Es entsteht das Frauenstadtteilzentrum am Mariannenplatz, Kulturzentrum KuKuck, ein Kinderbauernhof, das Gesundheitszentrum Heilehaus und weiter Projekte.

Die Polizei räumte nur noch die Häuser, wenn die Eigentümer darauf pochten. Doch die Hausbesetzerszene wuchs immer weiter. 169 besetzte Häuser gab es in der Stadt, davon 80 in Kreuzberg. Selbst der Sohn des Polizeipräsidenten Hübner, war einer der Besetzer. Die Politik schien es ein ums andere Mal  zu unterstützen, um es dann wieder abzulehnen. Die Hausbesetzer stachelten sich gegenseitig auf und die Presse trug ihren Teil dazu bei. Wieder wurden 8 Häuser geräumt, wobei es zu Ausschreitungen kam, bei denen der junge Demonstrant Klaus-Jürgen Rattay von einem BVG Bus überrollt wurde.

Danach spaltete sich die Besetzerszene und viele Instandbesetzungen wurden legalisiert.  Doch immer wieder kam es zu Räumungen und Krawallen. All der Krach und Ärger hat dazu geführt, dass mehr auf die Bedürfnisse der Bewohner eingegangen wurde. Sie wurden immer mehr in den städtebaulichen Planungen berücksichtigt. Die Bürger beteiligten sich intensiv und doch blieb es über die Jahre soziale Benachteiligungen.

Dabei war der 1. Mai ein “Demonstrationstag”, der oft mit Krawallen endete. 1987 hatten die Ausschreitungen ihren Höhepunkt. Es kam zu Plünderungen und Bränden. Die Polizei war anfangs mit 250 Mann vor Ort. Später standen 900 Mann gegen die Randalierer.

Heute!

Am Ende trennten sich die Autonomen von der Hausbesetzerszene. Was nicht heißt, dass die Besetzungen aufhörten. Im Gegenteil, sie waren recht erfolgreich es auszusitzen, damit die Häuser nicht verrotten.
Jedes Jahr aufs Neue versammeln sich die Menschen am Mariannenplatz, um für mehr Gerechtigkeit am Tag der Arbeit zu demonstrieren. Aber auch, um in den Mai zu tanzen. Und nicht immer endet das Fest mit Krawallen. Oder doch ein bisschen. Nur dieses Jahr blieb es verhältnismäßig still, in den Zeiten um Corona.

Diesen 12tel Blick verlinke ich wieder gerne bei Eva, auf ihrem Blog Verfuchst und Zugenäht

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